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„Na, dann gehen wir mal eine Runde laufen“

Diese Runde ist allerdings schon was Besonderes, handelt es sich doch um den UTMB, also um den Ultra-Trail du Mont-Blanc. Der führt einmal um das gesamte Mont-Blanc Massiv, Start und Ziel in Chamonix, durch die drei Länder Frankreich, Italien und Schweiz, über 168 Kilometer und ca. 9.600 Höhenmeter. Das entspricht in etwa vier Marathons und dabei acht Mal den Traunstein rauf und runter. Die Aufgabe muss in 46 Stunden, also in weniger als zwei Tagen, bewältigt werden.

Teilnahmebedingungen:

Der UTMB gilt als Olymp für jeden Trail-Läufer. Und jedes Jahr können ca. 2.400 Starter daran teilnehmen. Startberechtigt sind aber nur Läufer, die in den letzten zwei Jahren in definierten Qualifikationsläufen teilgenommen, diese auch gefinished und dabei in maximal drei Bewerben 7 Qualifikationspunkte gesammelt haben (Liste der Qualifikationsläufe: siehe www.ultratrailmb.com/page/87/Liste_der_Qualifikationslaufe.html). Dabei wird die Punktezahl für einen Qualifikationslauf folgendermaßen berechnet: Zur Lauflänge in km wird ein Hundertstel der positiven Höhenmeter addiert. Aus diesem Wert errechnen sich die Qualifikationspunkte folgendermaßen:

  • < 65: kein Qualifikationspunkt
  • 65 – 89: 1 Punkt
  • 90 – 129: 2 Punkte
  • 130 – 179: 3 Punkte
  • > 180: 4 Punkte

Am Beispiel des Gmundner Bergmarathons (www.bergmarathon.at) mit 70 km und 4500 Höhenmeter, ergibt das den Wert 115, also 2 Punkte. Der UTMB selbst bringt es mit einem Wert von 266 auf 4 Punkte.

Trotz dieser Voraussetzungen gibt es jedes Jahr fast 5000 Anmeldungen. Daher muss man zusätzlich Losglück haben, um einen Startplatz zu bekommen. Allerdings haben die Veranstalter dahingehend ein Erbarmen, dass für alle nicht gelosten Bewerber entweder ihr Startgeld zurückerstattet wird oder diese im nächsten Jahr einen fixen Startplatz bekommen, sofern sie natürlich die nötigen Qualifikationspunkte innerhalb einer Zweijahresfrist wieder beisammen haben.

Das war etwa bei mir der Fall, als ich für 2012 nicht gezogen wurde. Damals waren nur 5 Qualifikationspunkte von 2009 bis 2011 nötig. Für 2013 wurden die Punkte auf 7 erhöht. 4 Punkte fielen mir aus dem Jahr 2009 heraus, somit waren für 2012 noch 4 Punkte in 2 Bewerben nötig.

Vorbereitung:

Nach meiner Teilnahme am Marathon des Sables (MdS, Wüstenlauf in 6 Etappen über 230 km, Selbstversorgung; Erlebnisbericht: www.topsportaustria.at/blog/erlebnisbericht-marathon-des-sables-2013) im April dieses Jahres, der daraus nötigen Regenerationszeit und der anschließenden „Regenzeit“ in den österreichischen Bergen, konnte ich erst Ende Mai mit den ersten vorsichtigen Berg-Trainingsläufen beginnen. Eigentlich war nach dem MdS die Motivation und Power für ein weiteres Abenteuer schon ziemlich verbraucht. Wäre ein Startplatz beim UTMB nicht so mühsam zu erreichen, hätte ich wahrscheinlich meine Anmeldung für 2013 verfallen lassen.

Ich verzichtete diesmal vollständig auf einen fixen Trainingsplan und ein Trainingstagebuch. Vielmehr versuchte ich sehr sorgfältig auf meinen Körper zu horchen, um mögliche Signale einer Überlast nicht zu überhören. Wenn möglich nutzte ich die verbleibenden Wochenenden für einen 4-5 stündigen Trainingslauf in den Bergen. Unter der Woche standen einfache flache Trainingsläufe von 1-2 Stunden am Plan. Ich verzichtete gänzlich auf schnelle Einheiten und Intervall-Training. Die größte Distanz war ein 80km Nachtlauf – um auch die mentalen Anforderungen ein wenig auszutesten. Zwei bis dreimal pro Woche ging’s für allgemeine Kräftigungs- und Stabilitätsübungen ins Fitnessstudio.

So schaffte ich es ziemlich verletzungsfrei durch die Trainings- und Vorbereitungszeit. Allerdings habe ich dann die unmittelbare Vorbereitung auf den UTMB-Start ein wenig verschlafen. Direkt vor der Abreise stellte ich nämlich fest, dass sich die Sohle von meinem bewährten Trail-Laufschuh (der mir bereits 2009 beim ersten MdS gute Dienste erwiesen hat) zu lösen begann. Das wurde zwar schnell noch geklebt, aber mangels Alternative musste ich mir die Laufschuhe von meinem Sohn Florian ausborgen. Die hatte ich zwar vorher noch nie getragen, da wir aber in etwa dieselbe Schuhgröße haben, passte er so halbwegs. Weiters stellte sich in Chamonix nach dem Probepacken des Rucksacks heraus, dass dieser mit der mitgenommenen warmen Kleidung (welche z.T. zur Pflichtausrüstung gehört) viel zu schwer und voluminös war. Das zwang mich dann zu einem kurzfristigen Shopping-Einsatz im Charmonix: Windjacke, Daunenjacke, lange Laufhose, langärmeliges Laufleiberl, ärmellose Laufweste. Alles neu – und damit sollte ich auch durch die kalten Nächte kommen. Unmittelbar vor dem Start beschloss ich noch, es mit einer Dreiviertel-Laufhose zu versuchen (ich kann heute nicht mehr sagen, woher diese „Eingebung“ gekommen ist, da ich noch nie in meinem Leben eine Dreiviertelhose getragen habe – aber in einem solchen Augenblick gehen einem so manche sonderbaren Gedanken durch den Kopf). So borgte ich mir die Hose kurzerhand von meiner Frau Sonja, die mich beim Abenteuer begleitete. Letztendlich war ich guter Dinge, dass es jetzt nicht mehr an der Ausrüstung liegen könne, sollte ich das Ziel nicht erreichen. Während des Laufes würde ich ohnehin genügend Gelegenheit haben, mich an die neuen Sachen zu gewöhnen.

Der UTMB

Der Start für den UTMB erfolgt am Freitag, dem 30. August 2013, um 16:30. Davor muss noch der Kleidersack abgegeben werden. Dieser wird dann in das 77km (knapp vor Halbzeit des Rennens) entfernte Courmayeur gebracht. Mein Plan ist mit den ausgeborgten leichteren Schuhen zu starten und dann auf die kompakteren (allerdings geklebten) Schuhe zu wechseln. Ich traute mich nicht, die gesamte Distanz mit den gewohnten Schuhen zu bestreiten, da ich nicht abschätzen konnte, ob und wie lange die geklebte Sohle halten würde.

Um 16:00 finde ich mich im Startbereich ein. Es ist brütend heiß. Eine letzte Verabschiedung von Sonja – dann bin ich alleine. Das ist natürlich relativ zu sehen, da sich das Start-Areal im Zentrum von Charmonix mit den 2400 Teilnehmern immer mehr auffüllt. Es wird immer enger, langsam macht sich auch die Nervosität bemerkbar. Ich verspüre schon wieder einen Druck auf der Blase (obwohl ich in der letzten Stunde eh zweimal die Toilette aufgesucht habe) – aber jetzt geht natürlich nichts mehr, keine Chance mehr auf „Erleichterung“.

Leider bin ich im Vorfeld auch nicht mehr dazu gekommen, mir das genaue Strecken- und Höhenprofil anzuschauen. Ich habe gehofft, im Check-In-Bereich die nötigen Informationen zu bekommen. Das war aber leider nicht der Fall. Somit weiß ich auch nicht, wann und wo die großen Anstiege kommen werden. Glücklicherweise steht im Startbereich neben mir ein Teilnehmer, der eine ausgedruckte Karte mit dem Höhenprofil in seiner Rucksack-Außentasche stecken hat. Diese ragt zur Hälfte heraus, sodass ich die Strecke bis Courmayeur sehen und mir einprägen kann: 4 Anstiege (Gipfel bei Km 14, 44, 60 und 68), der erste noch relativ moderat, die drei weiteren gehen dann aber jeweils bis zu einer Höhe von 2500 Meter, dann runter nach Courmayeur. Bis dahin werden 77 km (von 168) und 4249 (von 9618) pos. Höhenmeter zurückgelegt sein. Dieses Wissen genügt mir im Moment - weiter will ich jetzt sowieso nicht denken. Mittlerweile bin ich eingekeilt im hinteren Drittel des Starterfeldes und versuche mir einzureden, dass überhaupt kein Grund zur Aufregung besteht: die ersten Kilometer werden sowieso im langsamen Tempo zurückgelegt. Wahrscheinlich langsamer als bei einem Trainingslauf. Hart wird es erst viel später – da habe ich noch einige Stunden Zeit. Aber was hilft der Kopf, wenn der Bauch ganz was anderes sagt!

Pünktlich um 16:30 erfolgt der Startschuss und wir setzen und zu den Klängen von Vangelis „Conquest of paradise“ in Bewegung. Es dauert allerdings mehr als 15 Minuten, bis sich der Anfangsstau soweit auflöst, dass man in einen leichten Laufschritt verfallen kann. Die Stimmung rund herum ist großartig: Tausende von Zuschauer säumen die Strecke und wir bewegen uns im Spalier durch Charmonix. Endlich verlassen wir die Stadtgrenze und kommen auf eine Art Landstraße. Hier nutze ich gleich die erste Gelegenheit für eine Pinkelpause.

Nach flachen 8 Kilometer erreichen wir die erste Verpflegungsstation im Skisportort Les Houches. Hier spüre ich bereits die ersten Anzeichen von Magen- und Darmproblemen. Diese haben sich am Vortag mit leichtem Durchfall eingestellt. Ich hoffte allerdings, dass das nur Vorboten der Aufregung wären. Ich esse einen mitgebrachten Müsliriegel. Das mildert das schneidende Gefühl im Bauch ein wenig. Dieses Handikape sollte sich als mehr oder weniger spürbarer, aber doch dauerhafter Begleiter in den nächsten 30 Stunden erweisen.

Ich möchte und kann jetzt nicht alle persönlichen Ereignisse und Erlebnisse während des Laufes aufzählen. Zu viel geht einem die ganze Zeit durch den Kopf. Wird man danach aber gefragt: „An was denkt man die ganze Zeit?“, so kann ich nur antworten: „Ich weiß es nicht!“. Man schmiedet keine Pläne für die Zukunft, sucht nicht nach irgendwelchen Antworten für ungelöste Probleme aus dem Alltag und schwelgt auch nicht in Erinnerungen. Bei mir ist das jedenfalls nicht der Fall. Irgendwie gibt es immer nur die aktuelle Position am Weg (am Anfang kann man sich sowieso nicht vorstellen, jemals das Ziel zu erreichen – das ist nämlich noch so „unvernünftig“ weit weg). Es gibt nur das Hier und Jetzt. Man ist fokussiert auf die Bewegung. Die Gedanken befinden sich maximal ein paar Minuten in der Vergangenheit oder in der Zukunft. Und eigenartigerweise genügt das vollkommen.

Anmerkung: Transiente Hypofrontalitätstheorie oder Runner‘s High beschreibt den Zustand, dass während des Laufens bestimmte Areale unseres Gehirns nicht mehr wie im bewegungsfreien Zustand arbeiten. Jene Regionen des menschlichen Gehirns, die für den Bewegungsablauf nicht zwingend benötigt werden, schaltet das Gehirn auf Sparflamme, auch den präfrontalen Cortex. Und das hat Folgen: In dieser Region findet die Raum- und Zeitwahrnehmung statt, Informationen werden hier bewusst verarbeitet. Fällt dieses Areal aus, dann befindet sich der Läufer gedanklich nur noch im Hier und Jetzt und denkt über nichts mehr weiter nach. Er ist frei. (Danke an Bernhard Pleßberger für diesen Input http://www.cursura.com/Home/Bernhard_Pleberger.html; weitere Informationen zum Thema, siehe etwa http://www.wdr.de/tv/quarks/sendungsbeitraege/2011/0329/005_laufen.jsp).

Eine Frage, die man immer wieder gestellt bekommt (und die man sich während eines Ultralaufes auch selber mehrmals stellt), ist die nach dem Warum. Warum tut man sich das überhaupt an? Auch hier gibt es wahrscheinlich keine allgemein gültige und rein rationale Antwort. Die Erklärungsversuche sind ähnlich wie bei der Frage „Warum besteigt man einen Berg?“ Antwort: „Weil er da ist!“. Das hat etwas mit dem inneren Feuer zu tun, das man verspürt, wenn man den Entschluss für ein derartiges Projekt fasst. Das hat etwas mit der Faszination der Herausforderung zu tun, wenn man sich entschließt, an seine Grenzen (oder auch ein wenig darüber hinaus) gehen zu wollen. Es hat etwas mit dem Gefühl der Erleichterung danach zu tun, im Bewusstsein etwas geschafft zu haben und dafür so machen Widrigkeiten erfolgreich getrotzt zu haben. Das hat etwas mit der gefühlten Demut zu tun, wenn man nach einer Phase der völligen Erschöpfung und Hoffnungslosigkeit erleben darf, dass irgendwoher doch wieder die Energie zum Weitermachen kommt. Es lässt sich schwer in Worte fassen, es ist sicherlich eine Kombination aus all dem (und noch vielem mehr). Trotz aller körperlichen Schmerzen erlebt man auch immer wieder sehr intensive Gefühlsmomente innerer Zufriedenheit. Ist dann ein Ultralauf geschafft, so kann man im Alltag einige Zeit davon profitieren. Prioritäten können sich verschoben haben, die Gelassenheit gegenüber so mancher Ärgernisse ist sicherlich gewachsen.

Um nicht zu sehr ins schwer Greifbare und Philosophische abzugleiten, doch noch ein paar handfestere Tatsachen: Aufgrund meiner Magenverstimmung kann ich die letzten 100 Kilometer (fast) keine feste Nahrung mehr aufnehmen. An den Checkpoints (gleichzeitig auch Verpflegungsstationen) versorge ich mich nur mehr mit Cola und ein paar Früchten. Das hat zur Folgen, dass nach den Kohlehydrat- und Fettvorräten auch auf die körpereigenen Eiweißreserven zurückgegriffen wird. Das heißt, der Körper beginnt mit der Verbrennung der eigenen Muskelmasse. Das merkt man insbesondere nach dem Lauf, wenn man sich im Spiegel betrachtet: man ist überall ein wenig „ausgeronnen“. Lediglich die Beine und Füße sind dicker. Das kommt aber vom eingelagerten Wasser (Lymphflüssigkeit), welches nicht mehr ausreichend abtransportiert werden kann. Das zeigt auch, dass die Nieren mitunter der abverlangten Dauerbelastung nicht mehr 100-prozentig gewachsen sind. Gesund ist das sicher nicht, aber man befindet sich schließlich auch in einem Ausnahmezustand bzw. in einem Grenzbereich (und der darf natürlich nicht zum Dauerzustand werden). Deshalb ist eine ausreichende Regeneration danach auch so wichtig.

Nach ca. 11 Stunden Laufzeit und 70 zurückgelegten Kilometern bricht mir nach einem (Beinahe-) Sturz einer meiner Stöcke. Das ist natürlich ein Schock, da man mit den Stöcken die Oberschenkel wesentlich unterstützen und so die Gesamtlast auf Oberkörper und Beine verteilen kann. Nach anfänglichem Hadern verbunden mit etwas Selbstmitleid, gelingt es mir aber doch relativ schnell, mich mit der neuen Situation abzufinden (es bleibt mir auch nichts anderes übrig). Ich versuche mir einzureden, dass mich die Stöcke ohnehin bei den Kletterpassagen und bei den Verpflegungsstationen gestört haben – und versuche damit, mich in eine Art Hans-im-Glück Stimmung zu versetzen.

Am Samstag um 4:48 erreiche ich nach 12:18 Stunden und 77 Kilometer den Checkpoint Courmayeur. Hier konnte man sich einen Kleidersack deponieren lassen und Teile der bisher mitgetragenen Ausrüstung mit der hinterlegten austauschen. Ich wechsle meine Schuhe und lasse einiges an Gewand und Verpflegung aus dem Rucksack im Kleidersack. Es gilt für den zweiten Teil so viel Gewicht wie möglich zu sparen. Es gäbe auch ein warmes Nudelgericht, das ich aber wegen meiner immer noch andauernden Magenprobleme nicht nutzen kann. Um 5:08 bin ich mit dem gesamten Transfer fertig und mache mich wieder auf den Weg. Zum ersten Mal ist mir so richtig kalt. Es geht aber gleich wieder kräftig bergauf, sodass sich das sehr schnell als das geringste Problem herausstellen sollte. Über die nächsten 22 Kilometer führt der Weg nun 1300 Höhenmeter hinauf zum Grand Col Ferret. Vor mir ist eine kleine Gruppe von ca. 5 Läufern. Ohne meine Stöcke kann ich ihr Tempo kaum halten. Und dann kommt er, der große Einbruch. Es ist noch finster, die Oberschenkel brennen, die Luft ist raus – und der Weg ist steil. Es sollte noch ca. 5 Stunden dauern, bis ich endlich den Zwischengipfel um 10:03 erreicht. Auch die Sonne, die inzwischen für angenehme Temperaturen und einen herrlichen Panoramablick sorgt, kann die Motivation nicht so richtig zurück bringen. Und auch die flacheren Zwischenpassagen bringen kaum Erleichterung. Quälend langsam schleppe ich mich Meter für Meter hinauf. Dann endlich der Abstieg. 18 Bergabkilometer und 1400 Höhenmeter liegen nun vor mir. Und da kommt auf einmal die Energie zurück. Plötzlich erfüllt mich eine Art Euphorie, ich kann so richtig Gas geben. Mit jedem Läufer, den ich überhole, fühle ich mich stärker. Ich bin in einem richtigen Flow! So erreiche ich auch den Checkpoint in La Fouly, auf einer leicht abschüssigen Asphaltstraße gelegen, im zügigen Laufschritt. Ich halte mich nur wenige Minuten auf und mache mich gleich wieder auf den Weg. Dass Ultralauf sehr viel mit dem Kopf zu tun hat, zeigt mir nun das folgende Erlebnis: Diese kurze Zeit des Verweilens hat bereits genügt, um den Rhythmus zu brechen. Obwohl es nach der Verpflegungsstation genauso bergab weiter geht, wie zuvor (als, wie gesagt, das Laufen durchaus Spaß gemacht hat), fühle ich mich jetzt, als hätte ich mit tonnenschweren Beinen und wäre zusätzlich an einem Gummiseil angebunden, welches mich am Vorwärtskommen hindert. Ich kann einfach nicht mehr laufen. Irgendetwas in mir wehrt sich gewaltig dagegen. Es dauert mehrere Kilometer und bedarf einer gewaltigen geistigen Anstrengung (es geht immer noch bergab!), bis ich mich wieder in einen einigermaßen akzeptablen Laufschritt zwingen kann. Und siehe da, das Laufen ist auch nicht mühsamer als Gehen. Und für die Psyche ist das Gold wert. Es ist schon erstaunlich, wie eng da die Grenzen beisammen liegen: beim Gehen fühlt mach sich am Ende (die nächste Stufe ist ja Stehen!), beim unwesentlich schnelleren Traben (=sehr langsames Laufen) wähnt man sich aber wieder auf der „Siegerstraße“ zurück.

Es ist inzwischen Mittag vorbei und die Temperaturen sind so richtig heiß. Die nächsten paar Stunden läuft es halbwegs rund, ich befinde mich in einer vom Tempo her passenden Gruppe und wir kommen gut voran. Es liegen jetzt noch drei Anstiege von jeweils ca. 800 Höhenmetern vor uns. Die ersten beiden sind ziemlich steil und am Ende sehr mühsam. Dennoch kann ich mich beim Bergablaufen erstaunlicherweise jedes Mal wieder ausreichend erholen. Beim letzten Anstieg komme ich in die Nacht. Der Weg besteht fast nur aus großen Felsstufen, sehr unrhythmisch und zieht die letzten Kräfte aus mir heraus. Endlich glaube ich den letzten Gipfel erreicht zu haben und auf den finalen 8 Bergab-Kilometer zu sein. Da habe ich mich aber geirrt. Tatsächlich geht es nach einem kurzen Abstieg noch einmal bergauf und erst nach einer weiteren halben Stunde ist der Anstieg endlich geschafft. Die letzten Kilometer hinunter nach Charmonix ziehen sich dann zwar noch so richtig in die Länge. Jetzt nur keine Verletzung mehr! Ich laufe auf einen Italiener auf und gemeinsam drücken wir noch einmal so richtig auf’s Tempo (ob wir dabei wirklich schnell sind, kann ich nicht mehr so richtig einschätzen ­ es fühlt sich zumindest so an und ich habe das Gefühl, wir tun alles, um das Ziel jetzt so schnell wie möglich zu erreichen). Und dann endlich, um 23:15, nach 30 Stunden und 44 Minuten ist es geschafft. Sonja erwartet mich bereits im Ziel. Gemeinsam überqueren wir die Linie …

Noch ein wenig Statistik:

Bei den Männern siegt der junge Lokalmatador Xavier THEVENARDmit neuem Streckenrekord in 20:34:57. Schnellste Frau wird die US-Amerikanerin Rory BOSIO als Gesamt-Siebente in sensationellen 22:37:26.

Insgesamt gehen 2469 Läufer (davon 223 Frauen) an den Start. 1686 erreichen auch das Ziel (ca. 69% - they managed to loop the loop).

Links:
Streckenverlauf: www.ultratrailmb.com/page/35/Strecke.html
Höhenprofil: www.ultratrailmb.com/page/36/Profil.html
Liste der Qualifikationsläufe: www.ultratrailmb.com/page/87/Liste_der_Qualifikationslaufe.html

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