Was habe ich die letzten Male alles schon über das mittlerweile fast traditionelle Trainingslager geschrieben. Mallorca 2009 und Lanzarote 2010 sind Schnee von gestern. Berichte über die Touren, über die Leiden und über die Sehenswürdigkeiten der beiden Inseln gibt es bereits – irgendwo in den unendlichen Weiten des www. Da sich die Gegend, die Touren und die Leiden auch dieses Jahr kaum geändert haben, würde ich mich beim einfachen berichten über das diesjährige Trainingslager „Lanzarote 2011“ einfach nur wiederholen. Aufgewärmtes Gulasch kann nicht schmecken. Warum also nicht das Ganze dieses Mal aus einer anderen Perspektive aus betrachten?
Mitten auf Lanzarote oberhalb von Teguise, der früheren Hauptstadt gibt es das „castillo de Santa Barbara“. Eine Festung, die heute als Piratenmuseum dient. Von hier aus hat man einen feinen 360° Blick. Möglicherweise war es jener Ort, der dazu genutzt wurde, das Einfallen der Piraten zu beobachten und rechtzeitig zu signalisieren. Jene Piraten, die versucht haben zwischen 1500 und 1700 nach Christus die Insel zu erobern. Portugiesen, Franzosen, Spanier, Holländer, Algerier ... mit bis zu 76 Schiffen großen Flotten. Die Inselbevölkerung war diesen Halunken immer wieder ausgeliefert.
Und heute? Heute sind es vor allem die Touristen und die Sportler, welche Lanzarote (und die anderen Kanarischen Inseln) Jahr für Jahr überfallen. Ich sage jetzt nicht, dass sie das wie früher die Piraten machen, aber eine gewisse Ähnlichkeit könnte man bei genauerem Hinsehen schon vermuten.
Wir waren dieses Mal eine kleine Flotte – moderne Carbon-Piraten auf dem Weg, die Straßen der Insel zu erobern. Insgesamt 11 Personen. Darunter auch Frauen und Kinder. Man reist ja 2.0 nicht mehr wirklich allein – und die Ausrede eines netten feinen Sonnenurlaubes inklusive Shopping und Sightseeing lässt bei der besseren Hälfte das stundenlange Fernbleiben unter Tags möglicherweise leichter ertragen. Nicht mit Schiff, sondern mit dem Flugzeug sind wir angereist. Aufgeteilt auf mehrere Tage und verschiedene Fluglinien. Das eine oder andere kanarische Inselhopping ließ sich dieses Mal nicht vermeiden – anscheinend fliegen Niki & Co nicht mehr direkt, sondern sammeln und verstreuen was geht über die ganzen Inseln hinweg.
Dass dabei ein Koffer verloren gehen könnte, damit muss man rechnen. Dass es gleich 2 in einer so kleinen Truppe sind (an unterschiedlichen Ankunftstagen und bei unterschiedlichen Fluglinien) würde Wahrscheinlichkeitstheoretiker schlecht aussteigen lassen. Halb so schlimm, wenn man den Neopren im Handgepäck mit hat und so am 1. Tag gleich zum unfreiwilligen Schwimmtraining antritt. Dank auch einer rosa/pink Kinderbrille mit Rüschen. Statt der Plünderungen, welche die Piraten damals gemacht hätten, wurden brav und politisch korrekt die wichtigsten Utensilien für die kofferlose Nacht neu gekauft. Der eine weniger – die andere mehr.
Zurück zur unserer Form der Piraterie. Kaum angekommen wurde der erste Feltszug gestartet und es wurden die ersten Geiseln genommen. Es waren Carbonräder, Modell Z4 mit einer Shimano Ultegra Kompakt. 50/34 vorne und hinten bis 27. Die Geiseln verhielten sich die gesamte Zeit über sehr kooperativ, trotz täglicher und mehrmaliger Folter. Wäre die Räderrechtskommission informiert gewesen, hätten wir sicher vor das Rädertribunal treten müssen. In Summe waren es schon etliche Schläge, welche die Felts einstecken mussten. Aber das ist halt so, wenn Piraten unterwegs sind. Die nächtliche Gefangenschaft mussten die Piraten in den Katakomben von lanzarotebike.es im Hotel Iberostar, Costa Calero aussitzen. Ein High Tech Käfig mit digitalem Zutritt nur für Berechtigte. Ein Entkommen? Aussichtslos.
Wenn wir nicht mit dem Rad unterwegs waren, wurde geplündert, geplündert und nochmals geplündert. Ein Gemetzel Deluxe. Vor allem am Buffet. Wie wilde Tiere haben wir uns frühmorgens, pünktlich um 8.00 Uhr und abends zwischen 18.30 und 19.00 Uhr an die reichlich gedeckten Tische geschlichen und in Raubmanier alles zu uns genommen, was nicht stich- und nagelfest war. Alle kulinarischen Schätze der Insel haben wir uns und zu uns genommen. Was Platz hatte wurde im Bauch gehortet – der Rest kam in die Serviette und dann mit aufs Zimmer. Barbarisch und ohne Zügeln. Mindestens 3.500 Kalorien – dank der üppigen Nachspeisen vielleicht auch mehr. Viel mehr sogar. Rechnet man die ca. 2.000 Kalorien, welche dann bei einer Ausfahrt verbrannt wurden, und die 1.500 Kalorien Grundumsatz weg, bleibt ein satter Überschuss. Ein gutes Geschäft also. So wie es sich für Piraten gehört.
Gefeiert wurden die Feltzüge ausgiebig abends in Puerto Calero. Ein kleiner netter Hafen mit einer sehr ansprechenden Promenade. Ins Auge gefallen ist uns die „Buda“ Bar. Anfänglich waren wir dort nur sporadisch zu Besuch. Anfänglich. Über den letzten Besuch herrscht was die Sperrstunde betrifft Stillschweigen. Es gibt Gerüchte. Aber die lassen wir Gerüchte sein. 20Cent (Achtung Insider Witz) wäre an diesem Abend sehr spendabel gewesen. Lieblingsgetränk war das Tropical Bier.
Was nicht fehlen durfte und auch nicht gefehlt hat, waren die Meutereiversuche einiger Besatzungsmitglieder auf den Captain. Sobald dieser Schwächen zeigte, waren schon seine Kontrahenten da, um ihm den Rang streitig zu machen. So sind sie halt die Triathleten. Einzelkämpfer und Egomane. Es bildeten sich Grüppchen und Mobbing stand auf der Tagesordnung. Ständige Machtkämpfe im Feld waren das Ergebnis. Ausreiß- und Fluchtversuche gang und gäbe. Jeder wollte die Herrschaft über die Insel an sich reißen. Wären wir in einem Film gewesen, Charakterdarsteller hätten nicht gefehlt. Sogar eine als Mann versteckte Dame (ähnlich wie bei Fluch der Karibik 2, als die schöne Elizabeth Swan als Pirat verkleidet auf das Black Pearl stieg) versuchte mit uns gemeinsam die Eroberung der Insel. So manchen von uns hat sich am Berg auch das Fürchten gelehrt. 200 Watt Dauerleistung bei 125 von Caleta de Famara nach Teguise 9 km leicht bergauf. Respekt.
Piraten lieben bekanntlich die höchsten Punkte des Landes, weil man von dort eine gute Rundumsicht hat und den Feind gut erkennen kann. Wir liebten die höchsten Punkte auch. Deshalb hat es uns auch immer wieder dorthin gezogen. Liebste Aussichtsplattform waren die „montanas del fuego“, welche wir von Westen und von Osten kommend wieder und immer wieder gekentert haben. Insgesamt waren es an die 10.000 Höhenmeter die wir aufsteigend zurückgelegt haben. Eine recht fette Beute.
Was uns noch mit Piraten vergleichbar machte, war die Tatsache, dass wir wie die Krieger der Meere immer von einem Hauch aus Schweiß umgeben waren. Ständig unter größter Anspannung und Konzentration haben wir unseren Schweißhaushalt mächtig in Schwung gebracht. Handwäsche unserer Bekleidung war angesagt, damit sich ein bisschen Zivilisation trotz allem bemerkbar machte.
Ach ja und nicht zu vergessen war das täglich „posing.“ Flagge zeigen, so wie die Eroberer. Eine sehr beliebte Beschäftigung. Das Herzeigen der Trophäen. Finisher T-Shirts waren der Renner. Wir haben deshalb beschlossen, das Anti-Posing Abkommen zu unterzeichnen. Wir wollten mit unseren Leistungen glänzen.
So vergingen die Tage und unsere Besetzung fand dann doch ein Ende. Wir kommen wieder, denn wir haben einen wilden Ruf zu verteidigen.
Hier noch abschließend Statistisches:
Aufenthalt: Hotel Ibeorstar, Costa Calero
Flug: flyniki.com
Aufenthalt: 7 - 14 Tage
Kilometer: 900
Trainingsstunden: 30
Höhenmeter: ca 10.000
Regentage: 1
Temperaturen: 20° +
Alles andere bleibt in den Kopfen der Beteiligten.