„Via Sacra“ - von Maria Enzersdorf nach Mariazell (125 km)

In einer Welt, in der wahrscheinlich der Ikea-Katalog die Bibel als meistgelesene Schrift abgelöst hat, ist es fast logisch, dass ein Pilgerweg auch einmal als Laufstrecke Verwendung findet. Viel größere Ansprüche gab es nicht. Als aus Ministrantendynastien entstammenden Strizzis durften wir mit unserer Laufmanufaktur daher ganz entspannt auf Modulbauweise und Pressspanplattenkultur setzen.

Beim ersten Modul nach Heiligenkreuz war noch der Nachhall der Stadt Wien zu hören. Danach hat sich der Themenkatalog zwischen dem Anschmachten schöner Trail-passagen und dem Angiften schwarzer Hunde am Wegesrand eingependelt. Ein böses Wort auf einem heiligen Pfad muss da gefährlich klingen, weil grimmig sehen wir mit unseren weißen Papsthäubchen sicher nicht aus. Das konsequente Liebsein – das ist eben nichts fürs wirkliche Leben.

Bei aller Sympathie für Vierbeiner wurde der Teufelsspuk dann schon ein bisserl zu einer Prüfung. Mit bebender Stimme verkündigt Christopherus, dass für Tierliebe womöglich Blutzoll bezahlt werden muss. Das war nun exakt der Stoff, aus dem diese Telenovela gestrickt ist. Und dieses Pathos war es auch, das uns sehr rasch in akuten Dauerlauf-modus versetzte: Ich verpasse meiner Stimme eine Extradosis Helium und entschwebe effektvoll in Sphären butterweicher Melancholie.

Grenzenlose Sehnsucht und bescheidene Häme würden ja prinzipiell Stoff auf ewig – zumindest für 14 Stunden Lauftraining - bieten. Unsere milde Kirchenkritik badet aber letztendlich dann doch in ein Übermaß an Schönklang. Ein wenig geerdeter klang dann schon die wahre Legende vom verlorenen Sohn zu Lilienfeld:

Wie in einer Intensivschnulze à la Rosamunde Pilcher liefen wir orientierungssicher und geländefest so lange durch die Gegend, bis wir vergessen hatten, welches Ziel wir eigentlich ansteuern wollten. Viel hätte nicht gefehlt und zwei von ihrem eigenen Irrlauf gerührte Läufer hätten sich am Ende selbst zur Adoption freigegeben.

Die zwei in Alkohol badenden Gäste der SB-Tankstelle Türnitz kennen solche Probleme nicht. Dank unsteten Lebenswandels ist es den beiden erspart geblieben, sich mit dem Laufen zu beschäftigen. Natürlich durfte aber auch bei ihnen die Agenda unserer die Gesundheit schädigenden Freizeitbeschäftigung nicht fehlen. Zum Trost gab es für uns dafür zum Abschied ritualisierte Menschlichkeitsgesten.

Ausgelöst durch die düsteren Prophezeihungen dieser beiden medizinischen Phänomene genießen wir rasch wieder ein weiteres Modul unserer temporären Obdachlosigkeit, preisen fortan die sichere Beschäftigung des Vagabundentums, den Primat der Leidenschaft vor der Vernunft. Schließlich wollen wir es vor dem Ende der Midlife-Crisis doch ein letztes Mal ordentlich krachen lassen.

Andere mögen ihre innere Unruhe mit einer Portion Erdäpfelpüree befrieden, wir ver-langen nach verschneiten Bergpässen: Wolken eines Nachthimmels ziehen über der Falkenschlucht auf. Wir attackieren den Tiefschnee diabolisch, rasseln entrückt mit den Laufrucksäcken, knattern mit den übergestülpten Aluminiumdecken. Erschöpfung und Kälte sorgen in diesem entlegenen Waldstück erbarmungslos für in die Eingeweide fahrende Angst. Exakt wie es die beiden zur Polytoxomanie neigenden Weltklasse-Entgiftungsathleten in Türnitz prophezeit hatten.

Gibt es auf der Via Sacra jetzt auch schon für die Fahrt zur Hölle unterschiedliche Klassen? Ich kopple ehrlich erworbenen Selbsthass mit eingeborenem Narzissmus. Das lässt mich Fideles auch in diesem Untergang erkennen. Braves wie Bischof Groers alter Sonntagsmesseaufruf erfährt eine lustige Neuinterpretation. Am Fanartikelstand in Mariazell waren die „Schutzengelkerzen“ aber dann ausverkauft. Unverzichtbar sind sie für den Haushalt der vielen alten Junggesellen.

Unverzichtbar wurde für mich nach dieser Pilgerfahrt der Heilige Georg: „Was wird sein, wann nix mehr is? Wird all's sein, wia wann nix g'wesen war? Oder wird's so weitergeh', ohne das ma’s merkt? Waß ma', wer ma' wirklich is...“ - Georg Danzer hat damit einen weiteren Widerhaken in den Fels meiner Selbstzufriedenheit geschlagen.

Die Route:

Dominik Aichinger, Läufer (und Architekt)
April 2011