Knastmarathon JVA DARMSTADT – Der Lauf hinter Gittern

Knastmarathon in Darmstadt, ein Projekt zur Resozialisierung der Insassen. Die Chance für manche, sich zu beweisen, dass man mit Einsatz und der richtigen Einstellung seine Grenzen erweitern kann.

6 Monate Vorbereitung, 4-5 mal pro Woche Training. Da bleiben von den ca. 50 angemeldeten Insassen nur die Hälfte welche sich tatsächlich auf die Marathon Distanz wagen. Einige geben auf, andere sind verlegt worden, einigen ist das Training zu viel, für ein paar hat sich die Tür zurück ins Leben geöffnet.

6 Monate gezielte Vorbereitung, das wäre für mich auch mal was. Naja es ist der 9. Marathon in 15 Monaten, der 4. Im Jahr 2011, das zählt ja auch als gezielte Vorbereitung, oder ? Da greift dann doch der §23, ich bin ein gefährlicher Rückfallstäter. Dies ist also vor dem Lauf bereits die erste Erkenntnis. Und da soll es tatsächlich Personen geben, die behaupten der Strafvollzug bringt nichts.

Sonntag 15.5.2011 : Der Tag der Wahrheit für viele, für mich wieder ein weiterer Marathon auf meiner Reise durch die Marathonwelt. Irgendwie komisch. Die, die drinnen sind, wollen alle raus und wir Verrückten wollen rein in den Knast, hinter Gitter, in den Bau, ins Loch. Jeder nennt es anders. Die Veranstalter nennen es „Knastmarathon – der Lauf hinter Gittern“

Das Projekt hat sich im Laufe der Jahre als herausragendes Sport-, Freizeit-, Gesundheits- und Behandlungsangebot der JVA Darmstadt etabliert, das heuer zum 5. Mal durchgeführt wird. Echt beeindruckend, wie „sicher“ alles abläuft. Die Organisation ist perfekt, einige Gefangene sind dabei und kümmern sich um den Aufbau und die Versorgungsstationen. Beim Eintritt in den Knast kommt zuerst der Check der Personalien, Durchsuchung und der Check durch einen Drogenhund. Das dauert echt lange bis alle Läufer und Begleitpersonen im Knast sind. Der Start wird um 15 Minuten verschoben damit alle Gemeldeten mitmachen können. 24 Runden a 1,758 km, viele Kurven, eine 180 Grad Kehre und viel Beton. Zeitgerecht zum Start kommen die ersten Gefangenen zum Hofgang um dem lustigen Treiben beizuwohnen. Sie stehen direkt an der Strecke.

Es läuft alles relativ ruhig ab, die Frauen die mitlaufen werden heftig angefeuert, auch wenn dabei nicht alles ganz jugendfrei ist. Nach ca 1,5 Stunden sind die nächsten dran, nun kommt die Anfeuerung von der anderen Seite der Strecke.

Die Runde ist so aufgebaut, das man quer durch den Knast läuft, der Weg ist geteilt, ca. 850 Meter hin und auf der Gegenseite wieder retour. So kommt man überall 48 Mal vorbei. Irgendwie trostlos da nur auf einem Teil der Strecke Zuseher sind. Im hinteren Teil spielt eine Sambaband unermüdlich, stundenlang. Auch der heftige Regen mittags kann sie nicht davon abhalten.

Im vorderen Teil klingt laute Musik aus den aufgebauten Lautsprechern, der Sprecher stellt beim durchlaufen bei Start Ziel die einzelnen Läufer vor. Selber Rundenzählen muss man nicht. Auf einer Videowand kann man bei Start/Ziel immer seine aktuelle Zeit und die Runden ablesen.

Am besten sind die Jungs die nicht rausdürfen, die stehen an den Gittern und sprechen dir Mut zu. Z. B: „ Gib auf, du schaffst das nicht“… Ganz witzig. Sonst ist überall ein Zusammenhalt zu spüren, externe laufen mit Häftlingen, jeder will das alle durchkommen.

Da hast beim Lauf auch Zeit für das ein oder andere Gespräch. Ist ganz interessant zu wissen dass es definitiv keine Freundschaften im Knast gibt, nur Zweckgemeinschaften. Das fällt beim Lauf nicht auf. Die Inhaftieren, die laufen, werden von den Hofgängern lautstark unterstützt.

Der Marathon selbst ist hart zu laufen, der Boden heftig, vor allem die Kurven setzen gewaltig zu. Angst muss man nicht haben, auch bei der Siegerehrung gibt es nette Gespräche mit den Insassen. Alle 21 Häftlinge aus der JVA beenden den Marathon. Der letzte nach 5:45:00 oder so. Da zeigen auch die harten Jungs Emotionen.

Trotz allem ein ONE TIME EVENT, das Rundenlaufen ist nicht so meins. Wer außergewöhnliche Läufe liebt, dem ist er zu empfehlen. Die Versorgung ist perfekt. Cola, Iso, Wasser, Bananen alle 1,75 km. Und bei der Siegerehrung Kaffee, Kuchen, Bier(alkoholfrei) und belegte Brote ohne Ende.

Eigentlich ist man permanent in Kontakt mit den Häftlingen, in der Umkleide, beim Lauf, beim Duschen und bei der Siegerehrung. Und nein, man wir nicht belästigt. Die Jungs sind froh sich mal sportlich mit anderen messen zu können.

Der Leiter der Anstalt hat es schön formuliert: „ Noch nie zuvor sah ich so viel soziale Gemeinschaft und gegenseitige Unterstützung zwischen externen und internen wie dieses Jahr beim Marathon“ Laut dem sportlichem Leiter der Anstalt laufen nur ganz selten Österreicher mit, der lauf ist in Österreich nicht bekannt. Vielleicht kann ich mit meinem Bericht dazu beitragen, dass sich das ändert. Ach ja, ich hab gefinished, auch wenn es für mich echt hart war.