September 2011, Berlin lädt ein zum Laufen. Die 38. Ausgabe des Berlinmarathons steht am Programm, für mich der 1. in Berlin, der 11. Gesamt, der 6. In diesem Jahr.
Nach denkbar schlechter Vorbereitung, nur 50 km Training seit meinem Ultramarathon in Biel im Juni, kommt eine Woche vorher noch eine Entzündung, welche mich und vor allem den Arzt im Krankenhaus eigentlich an einem Start zweifeln lassen.
Na ja der Flug ist gebucht, meine Unterkunft bei meinem Berliner Freund Ulrich Etzrodt organisiert und Berlin hab ich auch noch nie gesehen. Also auf nach Germany.
Am Donnerstag 22.9. geht’s los. Irgendwas war da noch mal an dem Tag, ach ja, der Papst kommt nach Berlin. Aber doch nicht etwa zum Laufen ?
NE NE würde der Berliner sagen, er versammelt nur zehntausende am Donnerstagabend im Olympiastadion um ein paar Geschichten über Gott zu erzählen.
Na zum Glück dauert das ja nicht bis Sonntag, also steht einem ereignisreichen Wochenende nicht mal Gott im Wege.
Helfen kann er mir auch nicht beim Marathon, also geh ich da erst gar nicht hin.
Donnerstagabend besuche ich die Marathonmesse, hol mir meine Startnummer und komm mir vor als lauf ich schon einen Marathon.
DAS ist mal eine MESSE. Riesengroß, da muss man sich erst mal zurechtfinden.
Auch meine Freunde vom Vienna City Marathon sind anwesend.
Dieser Stand ist besonders hervorzuheben, da hier ein Bild von GUTAV KLIMT hängt, welches darauf wartet, angemalt zu werden.
„Ein KUSS geht um die Welt“-ein tolles Projekt welches bis zum VCM 2012 fertig sein sollte.
Auch Haile Gebrselassie hat schon seine Spuren auf diesem Bild hinterlassen.
Als „österreichischer Friendshiprunner des VCM“ wird auch mir die Ehre zu Teil, mich hier zu verewigen. (naja was Haile kann, kann ich auch J )
Auch Rafael Penalba, seines Zeichens der „deutsche Friendshiprunner des VCM“ hinterlässt seine Spuren auf dem Gemälde.
Zwar nicht so schön wie ich, aber er für sein Alter ganz ordentlich. Nach geschätzten 90 Marathons dürfen die Hände schon etwas zittern J
Nach Befüllung der Spendenkasse am VCM Stand noch ein wenig die Lage checken, um sich dann ein Tattoo vom POWERBAR Stand aufkleben zu lassen (DNF IS NO OPTION).
Zufällig treffe ich auf eine Japanerin und eine Brasilianerin.
Die Dame aus dem Land der letzten Atomkatastrophe läuft ihren Dritten, die Brasilianerin ihren Ersten Marathon.
Wir unterhalten uns ein wenig übers Laufen, über JAPAN, BRASILIEN und über Ultraläufe
Geschockt über die Aussage, dass ich heuer schon meinen SECHSTEN laufe, lasse ich sie dann aber mit ihren Gedanken und der Bewunderung alleine und mach mich auf den Weg zum Alexanderplatz um den Abend noch bei einem Kaffee ausklingen zu lassen.
Freitag, Sightseeing steht am Programm.
Ulrich und Rafael zeigen mir Berlin, ich bin beeindruckt.
Tausend Gedanken gehen dir da durch den Kopf, vor allem Ulrich ist hier ein Insider, ein ehemaliger Ostberliner, der kurz vor der Wende ein ONE WAY TICKET in den Westen genommen hat.
Passend zum Sportwochenende zieh ich mir am Abend in der O2 Arena die Saisoneröffnung vom Basketball rein.
Alba Berlin, der Vizemeister des letzten Jahres, trifft auf den Halbfinalisten des Vorjahres.
Wie passend das mit Rafael ein Bamberger dabei ist. (für nicht Insider – BAMBERG ist der amtierende Meister und eine Basketball Hochburg)
Das Spiel geht in die Verlängerung, ALBA gewinnt (irgendwie wie ausgemacht, das Spiel war laut Experten nicht so besonders, ich fand es unterhaltsam), die Halle bebt.
Nachdem ich ja Gast in Berlin bin, wird mir auch die Ehre zu Teil um 22:15 Uhr den Reichstag zu besichtigen.
7000 Leute dürfen während des Tages hinein, wir sind am Abend maximal 10.
Sonderbehandlung für Staatsgäste, zumindest rede ich mir das ein.
Berlin bei Nacht aus der Reichstagkuppel, das hat was.
Auch im Bundestag brennt noch Licht. Da wird wohl keiner die Merkel geweckt haben.
Naja egal vielleicht versucht sie noch immer Griechenland zu retten.
Am Samstagmorgen lädt Berlin zum Frühstückslauf.
Naja ein paar werden schon teilnehmen denk ich mir.
6km ohne Zeitnehmung für ein tolles Frühstück beim Olympiastadion, da lass ich mich sofort begeistern.
Am Start wird mir klar was Frühstückslauf in Berlin bedeutet.
Tausende schwirren am Start beim Schloss Charlottenburg umher und warten darauf die 6km bis zum Frühstücksbuffet hinter sich zu bringen.
Irgendwie hat man den Eindruck es ist die Dänische Meisterschaft im 6km Lauf, es wimmelt von Dänen.
Lockeres Joggingtempo gewählt und ab ins Olympiastadion. Einlaufen kann man dort nicht, da beim Tor Tausende darauf warten.
Der Einzug ins Stadion dauert ca. so lange wie der Lauf dorthin.
Da ich ja Zeit habe genieße ich den Gang durch den Tunnel, die Laufbahn bringe ich dann doch wieder joggend hinter mich.
Dazu ist sie ja da, sonst wäre es eine Gehbahn geworden.
Unter den olympischen Ringen führe ich meinem Körper ein Frühstück zu und beobachte manche Leute, die sich mit essbarem eindecken, also wollen sie an diesem 24.September die Welt vom Hunger befreien.
Ich merk mir mal das Datum, vielleicht schaffen sie es ja.
Ich hab aber eher das Gefühl das hier der Slogan greift „SOVIEL DIE ARME TRAGEN KÖNNEN“ – oder war das „SOWEIT DICH DIE FÜSSE TRAGEN KÖNNEN“ ?
„GEIZ IST GEIL“ DAS wars
Na egal, ist lustig anzusehen.
Nachmittag wird mir eine besondere Ehre zu Teil.
Ich bin beim Skatermarathon beim ORGATEAM dabei und betätige mich als Ordner.
KM 7, der Übergang vom Hauptbahnhof zum Bundeskanzleramt, wird von mir bewacht wie die Goldreserven von Amerika.
Nachdem die ersten Skater mit geschätzten 50 Km/h die Straße runterdonnern, brauch ich keinen mehr davon überzeugen, dass man hier die Straße nicht queren kann.
Es dauert eine gute Stunde bis sich die 7000 Skater an meinem Posten vorbeibewegt haben.
Ich muss nicht erwähnen dass die Geschwindigkeiten der Skater merkbar nachlassen, wenn das hintere Feld vorbeikommt.
Stolz alles perfekt erledigt zu haben und mit dem Gefühl hier würde nun sicher mal ein Denkmal für mich erreichtet werden, raste ich am Nachmittag und zieh mir am Abend die selbstgemachte Pasta von Ulrichs Frau rein.
Ausgezeichnet, aber scharf. Ich glaub sie will uns für den Marathon schon vorab „anfeuern“.
Um 20 Uhr falle ich ins Bett und schlafe wie ein Baby.
Sonntag, Marathontag.
40000 Läufer, für viele der erste, für viele wahrscheinlich der letzte (sorry Haile)
Die Aufregung hält sich in Grenzen, mittlerweile bin ich das hektische Treiben schon gewohnt.
Auf der Straße sieht es aus wie auf einer Pilgerreise kurz vor dem Weltuntergang.
Um hier nicht überrannt zu werden, mach ich‘s mir mit Ulrich im Kaffee „Einstein“ gemütlich.
Laut Uli ein „IN CAFE“, wo die Politiker ihren Cafe Latte um € 4,40 trinken.
Das Beste ist gerade mal gut genug. Uli war vorher noch nie da, er ist über meine Einladung begeistert.
So gegen 8 machen wir uns auf den Weg, die Kleiderbeutelabgabe ist schon ein Marathonlauf an sich.
10 Minuten vor dem Start finde ich mich im Startbereich ein und beobachte ein wenig die Leute, von denen manche einen geschätzten Puls von 300 haben.
Wenn schon andere schneller sind, ich hab zumindest das geilste Outfit.
FH OOE SPORTS TEAM DRESS.
Ich denke N-TV konnte sich nicht durch die Menschenmassen kämpfen um mich ins Fernsehen zu bringen, warten werde ich nicht extra auf die Reporter.
FH OOE SPORTS TEAM ist ja mittlerweile schon ein internationaler Begriff in der Sportwelt, also lieber N-TV, bitte Termine mit unserem Sekretariat vereinbaren, ich muss jetzt laufen.
Startschuss, Luftballonstart und nix bewegt sich.
Naja 10 Minuten nach dem Schuss überquere ich auch die Linie Richtung Siegessäule.
Platz hat man hier nicht, aber egal ich will ja keine Bestzeit, ich will ja nur Haile schlagen. J
Nein im Ernst, nach meinem intensiven Tablettenkonsum in der Woche vor dem Marathon bin ich eher etwas vorsichtig unterwegs.
Mittlerweile hab ich gelernt auf meinen Körper zu hören.
Naja nicht ganz, da er mir schon am Start gesagt hat: „Hey, warum machst du den Schei…, du bist nicht ganz gesund,…. Blablabla.
Jaja der innere Schweinehund meldet sich dieses Mal ziemlich bald.
OK, ignorieren und ab.
Meine gemütlich geplanten Zeiten für 10km und HM halte ich fast auf die Minute ein.
Bei der HM-Marke ist plötzlich mein ganz besonderer Freund wieder da:
Sehr geehrtes Publikum, ich präsentiere ihnen mit der Startnummer 666 (the number oft he beast) aus ÖSTERREICH Mister „Innerer Schweinehund“
Abwimmeln lässt er sich nicht.
Die morgens eingenommenen Tabletten zeigen sämtliche Nebenwirkungen, welche ich mal auf deren und allem anderen Packungsbeilagen gelesen hatte.
Mit dem Gefühl sterben zu müssen, such ich mir mal einen Versorgungsstand, knall mir ein, Achtung Schleichwerbung, DEXTRO ENERGY GEL rein und trink mal ordentlich.
Rächt sich etwa jetzt meine Verweigerung dem PAPST im Olympiastadion beizuwohnen ?
Stattdessen hab ich mir zu dieser Zeit ein Tattoo von Power Bar aufkleben lassen. DNF IS NO OPTION.
Gott werde ich nicht um Vergebung bitten, dem singen sicher andere hinter mir schon die Ohren voll und der Papst ist auch nicht beim Lauf dabei.
Na gut dann nicht, also weiter geht‘s im gemächlichen Schritte.
Mit diesem Satz im Ohr und der Gewissheit dass mir GOTT und der Papst meinen Ausrutscher verzeihen, geht’s ab km 25 wieder viel besser.
Also Finishen ist fix, 4:30:00 wie geplant wird nix mehr.
Na gut, Zeit nach oben korrigiert, Sub 5 ist Pflicht und machbar.
Nun ist der Lauf ein Sightseeing Run, mit Pausen um Photos zu machen, Kinder abzuklatschen und Berlin zu genießen.
Die Versorgungsstellen sind top, auch wenn ich nur jede Zweite ansteuere.
Der Trubel dort ist mir zu heftig. Ich denke an den Skatermarathon vom Vortag.
„Bitte diese Straße nicht queren, ist zu gefährlich für Sie und die Teilnehmer.“
So in etwa geht es beim Versorgungsstand zu.
Bei km 38 steht tatsächlich noch eine Massagestation.
Irgendwie lustig, da quält man sich 38 km und 4 km vor dem Ziel soll man sich massieren lassen.
Nein danke, es muss auch mal wehtun, sowie immer eigentlich.
Gleich danach ein Schild:
„MACH DEN SCHEISS FERTIG DU AR…“
Da hat einer aber eine tolle Frau.
Ich schätze er hat sie etwas vernachlässigt in letzter Zeit und hat versprochen das nach dem Marathon alles besser wird.
Ich muss über dieses Schild lachen.
Kurzer Blick auf die Uhr, alles klar.
Ein Däne hängt bei km 39 an einer Absperrung. (wo sind seine geschätzten 3000 Freunde vom Frühstückslauf ??)
Ich bleib stehen, geh ein Stück mit ihm. Nachdem ich sicher bin das er alleine klar kommt, laufe ich die letzten beiden KM unter Beifall der Zuschauer auf das Brandenburger Tor zu.
Man muss das mittlere Tor nehmen hat mit Uli am Vortag gesagt. Keine Ahnung warum, aber fast alle laufen da durch.
Ok dann halt durch die goldene Mitte.
Die letzten 200 Meter und Nummer 11 ist in 4:52:37 erledigt.
Medaillie, Versorgungsstand, Erdinger Alkoholfrei und geschafft.
Nein nicht ganz. Bei der Info erfahre ich dass es einen neuen Weltrekord gibt.
Nachdem ich nicht bejubelt werde, war ich das wohl knapp nicht.
Trotzdem tolle Leistung des Kenianers. Ich denk mal ich hab ihn mit meiner Performance zum Weltrekord getrieben.
Zumindest lindert dieser Gedanke kurz die Schmerzen in meinen Beinen.
Dann die Info Haile hat aufgegeben.
Ich hab‘s gewusst, ich bin ein Star.
Die Welt wird sich vor mir verneigen. ICH hab HAILE geschlagen.
Könnte zwar auch daran gelegen haben, das er nicht am POWERBAR STAND war, um sich den Aufkleber, DNF IS NO OPTION zu holen, aber ich denke ich war heute einfach besser als er.
Schnell entferne ich mich aus dem Gelände, bevor die Reporter auf mich aufmerksam werden.
Der Mann der Haile geschlagen hat.
Andreas „Haile Bezwinger“ Walchshofer.
Naja Bescheidenheit ist eine Tugend.
Den Marathontag lass ich mit Uli und seiner Frau Evelyn bei einem Chinesen ausklingen. Nettes Essen mit Freunden, so schön kann Marathon sein.
Montag früh nehme ich den Flieger nach Wien, retour von einem tollen Wochenende und mit riesiger Freude auf meine Familie.
Die Beine schmerzen etwas, aber ich hab ja auch was getan.
NIX tun kann jeder, die Schmerzen vergehen, der Stolz bleibt.
Dienstag Kontrolluntersuchung im Krankenhaus, heftiger Anschiss vom Arzt, neue Tabletten und Sportverbot
Was soll‘s, Berlin ist geschafft auf meiner Reise durch die Marathonwelt.
Der nächste ist in 3 Wochen, 1. Wolfgangseemarathon.
Der Arzt hat mir ausführlich erklärt was alles passieren kann.
Auch die Krankenschwester macht mich nochmal darauf aufmerksam.
Ich denke Sie war mal russische Kugelstoßerin mit den Genen von Karl Marx.
Zumindest haben sie fast die gleiche Gesichtsbehaarung.
Diesmal siegt die Vernunft, ich werde nicht starten.
Aber eher deswegen, weil ich sonst noch mal zu diesem Monsterweib untersuchen gehen muss.
Man lernt doch immer wieder etwas dazu im Leben.
Übrigens liebe Leser, nicht vergessen. ICH HAB HAILE GESCHLAGEN