100 km Lauf Biel - Sport an der Grenze

Sport an der Grenze - wie schwer ist es als Extremsportler die Entscheidung zwischen Erfolg und Gesundheit zu treffen ?
"Irgendwann musst du nach Biel"
Ein Spruch der den Ultraläufern bekannt ist.

Die Nacht der Nächte, so wird die Nacht rund um die Bieler Lauftage genannt.
Es ist der "Originale 100 km Lauf"
Und im heurigem Jahr wird er zum 53. Mal ausgetragen.

Gleichzeitig auch mein erster Lauf jenseits der Marathon Distanz.

Traditionell starten die Bieler Lauftage mit den Kinderläufen am Donnerstag Abend.
Hier lässt sich schon erahnen was den Läufern einen Tag später bevorsteht.
Regen Regen Regen

Alexa, meine Tochter, tritt nach etlichen Siegen in der Heimat das erste mal international an.
Der Lauf ist sehr stark besetzt.
Die Zeiten vom Vorjahr lassen erahnen was hier für einen guten Platz erforderlich ist.
Trotzdem ist sie eine der Favoritinnen auf einen Stockerlplatz.

Regen am Start und eine steinige, nasse Strecke sind nicht gerade einladend für einen Kids Run.
Alexa läuft jedoch ein ganz ausgezeichnetes Rennen und kommt als Zweite ins Ziel.
Die Pace von 4:00/km ist für eine 6 jährige schon sehr beeindruckend.

Bei der Siegerehrung werden die Kids durch die erhaltenen Preise doch ein wenig enttäuscht.
Es gab Sachpreise wie Badetücher, Gutscheine und Laptoptasche.
Für Kids wohl eher nicht das richtige.
An dem Punkt könnte der Veranstalter noch ein wenig arbeiten.

Am Freitag pünktlich um 22 Uhr startet dann für mich das Abenteuer Ultralauf.
Schon nach einer halben Stunde setzt heftiger Regen und Wind ein.
Teilweise muss durch knöcheltiefe Wasserstellen oder matschigen Boden gelaufen werden.
Das setzt vielen Läufern gewaltig zu.
Die Müdigkeit hält sich am Anfang noch in Grenzen.
Es ist gleichzeitig ein Lauf gegen die innere Uhr.
Der Körper will schlafen, der Geist will laufen.
Der heftige Platzregen hat sich in starken Dauerregen verwandelt.
Durch die nassen Schuhe machen sich bereits bei km 25 die ersten Blasen bemerkbar.

Genial sind die Versorgungsstellen.
Wasser, Iso, Tee, Cola, Energieriegel, Bananen, Brot,..
Hier fehlt es an nichts.

Km 40: Die Schmerzen an den Fußsohlen werden schlimmer, es regnet noch immer.
Das Laufen wechselt sich mit schnellem Gehen ab.
Beim ersten Cut off Punkt bei km 55 suche ich den Arzt auf.
Er schneidet am Fuß ein wenig herum und behandelt die Blasen.
Er sagt mir das meine Füße beschis.. aussehen.
Der Arzt will mich aus dem Rennen nehmen, bietet mir was gegen die Schmerzen an.
Ich lehne dankend ab.
Mir hat mal ein freund gesagt "wenn laufen nicht weh tut, dann joggst du nur".
Danke Auer Marcus, ich hab dich auch lieb !!
Nach der Behandlung lass ich mich kurz massieren, obwohl die Beine bis auf die Fußsohlen nicht schmerzen.
Tut trotzdem gut.
Die Müdigkeit setzt langsam ein.
Ich bin so weit die Entscheidung des Arztes mich aus dem Rennen zu nehmen zu akzeptieren und bewege mich Richtung Verantwortliche um meine Startnummer abzugeben.
Auf dem Weg dorthin treff ich einen Bekannten aus Deutschland - Uli den Berliner. Er macht den Lauf zum 9. mal. 
Er motiviert mich doch weiter zu machen.

Ich beiß die Zähne zusammen und setzte den Lauf fort.
Da gehen und laufen gleichmassen schmerzt wähle ich einen gemütlichen Laufschritt.
Der Emmdendamm, auch Ho-Chi-Minh-Pfad genannt, wartet auf mich.
 
10 km Trail auf Wurzeln und Steinen. Es regnet noch immer heftig.
Der Pfad ist durch den Regen ziemlich aufgeweicht und schwer zu laufen.
Die Schmerzen werden unerträglich.
Ich bleibe bei den Versorgungstationen nicht mehr stehen, da ich Angst habe nicht mehr weitermachen zu können.
Bei km 73 entscheide ich mich bei einer Versorgungsstation etwas Warmes zu mir zu nehmen.
Durch das langsame Tempo und den Dauerregen friere ich, bin komplett durchnässt.

Ich habe das Gefühl als würde ich im Winter in kurz laufen.
Etwas Tee und Suppe bringen jedoch auch nicht das gewünschte Ergebnis.
Bis km 76,5 ist noch ein heftiger Berg zu bewältigen, dort oben ist eine weitere Sanitätsstation.
Nur noch bis dorthin und aufwärmen. So ein Lauf läuft im Kopf ab, 1000 Gedanken quälen dich.
Was ist wenn du nicht fertig läufst, wen außer dir selbst enttäuscht du ?
Wer hat aller gesagt das du das nicht schaffst ?
Du willst es allen beweisen.

Uli hat mich mittlerweile wieder eingeholt und sagt mir das ich nicht mehr gut aussehe.
Danke Uli, ich fühl mich auch so.

Beim 2.Cut off bei km 76,5 angekommen mach ich mich sofort auf den Weg zu den Sanitätern.
Der Arzt checkt meine Beine und wickelt mich in Decken.
Die Beine sind mittlerweile heftig geschwollen, die Fußsohle von Blasen überdeckt.
Ich kann nicht mehr gehen und hab eine heftige Unterkühlung.
Gefühlsmäßig ist meine Körpertemperatur bei 0.
Nun ist der Lauf zu Ende, der Arzt nimmt mich aufgrund der gesundheitlichen Verfassung aus dem Rennen.
Er meint das die letzten 24 km ein viel zu großes Risiko für meine Gesundheit wären.

Die Enttäuschung hält sich in Grenzen, ich bin in der 76,5 Ultrawertung, also ein Finisher.
Die Gesundheit geht bevor.
Ich hab nicht aufgegeben, gekämpft, alles versucht und hab den 76,5 km Lauf gefinished.

Also endlich ein Ultraläufer.
Und darauf bin ich mächtig stolz.
Ich hab mich für die Gesundheit entschieden.

Nach dem Aufwärmen nehm ich den Bus nach Biel.

Medaille und Urkunde holen, duschen und ab nach Hause.
Einige Schmerztabletten und schlafen. Endlich.
Es wird noch etwas dauern bis sich die Schmerzen und die Enttäuschung gelegt haben.

Die Frage ob das alles dafürsteht kann ich noch nicht beantworten, dazu sind die Schmerzen noch zu groß.
Aber wie sagen wir Läufer : "Schmerzen vergehen, der Stolz bleibt "

Was soll's Biel, nächstes Jahr neuer Versuch.