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Rovaniemi-Marathon

Polarkreismarathon, so heißt der Rovaniemi-Marathon nicht, es ist aber einer.

Liegt die Stadt doch am Wendekreis des Krebses. Höchste Zeit, dass ich Henry Millers gleichnamigen Skandalroman (1934) endlich lese. Ende Juni am Polarkreis bedeutet, es wird nicht dunkel. Die Sonne ist rund um die Uhr zu sehen, es sei denn, es ist bewölkt.

Von Helsinki nach Rovaniemi fliegt man 70min direkt nach Norden, mit dem Auto wäre man 10 Stunden unterwegs. Der Flughafen liegt nördlich des Polarkreises, die Innenstadt südlich davon. Mit 8.017km² ist Rovaniemi die größte Stadt Europas und die offizielle Wohnadresse vom Weihnachtsmann, der direkt am Polarkreis residiert. Man kann ihn täglich besuchen, und das tun die Leute aus aller Herren Länder in großer Zahl, in kompletten Busladungen.

Viel Wald und viel Wasser hier. Die 1989 eröffnete Schrägseilbrücke über den Kemijoki-Fluss ist den Holzfällern gewidmet, hier wurden bis in die 1960er Jahre Baumstämme geschwemmt. Eine Lichtinstallation an der Spitze des Brückenpfeilerpaares gibt ihr den Namen: Holzfällers-Kerze - Brücke (fin.: Jätkänkynttilä-silta). Eigentlich DIE bauliche Sehenswürdigkeit der Stadt. Rovaniemi ist 1944 praktisch zur Gänze abgebrannt, nur die Schornsteine der Holzhäuser sind damals stehen geblieben, ein Munitionstransport der Deutschen war am Bahnhof in die Luft geflogen.

Das Besondere an Rovaniemi (61.500 Ew) ist die Lage, und das Datum des diesjährigen 20. Marathons. Deswegen bin ich da, es ist mein 55. Geburtstag. Sehr zu meiner Freude werde ich von Evi begleitet. Außerdem von Sieglinde und Roman, Günter und Monika sowie von Manuela und Günther. Die Jungs laufen den Marathon, die Damen feuern uns an, so ist der Plan.

Bei Ankunft am 25.6. sehen wir tief hängende Wolken und es ist nass, am 26.6. bleibt es vormittags trocken. Nachmittags, abends und nachts regnet es, bis zum Frühstück am 27.6.

Da hört es auf, es hat 10°C, nach wie vor ist es stark bewölkt. Zum Start (fin.: Läthö) haben wir es deshalb nicht eilig.

Die um 11h beginnende lappländische Grillmeisterschaft hat jedenfalls deutlich mehr Interessenten, als der für 12h angesetzte Marathonbewerb 50m weiter am Lordi-Platz.

Die lappländische Polkameisterschaft findet ab 11h statt, Eintritt frei.

Wir Österreicher sind um 11h57 am Lordi-Platz und werden in die Startaufstellung geschleust. Der Weihnachtsmann persönlich gibt den Startschuss. 126 Leute nehmen den Marathon in Angriff.

Leicht bergab geht es auf buckligem Pflaster los. Als wir eine Hauptstraße queren, hält ein Streckenposten die Autos an. Dann geht es durch eine Baustelle und auf einer Holzbrücke über die Eisenbahn, wieder bergab. Wir queren die Fahrbahn, Streckenposten halten den Verkehr auf. Günter und ich laufen 5:35/km, eigentlich viel schneller als geplant.

Wir werden auch kaum langsamer, als die Strecke bergauf führt. Bei km3 die erste Labestelle, es geht rechts weg. Schnurgerade nun, aber wellig, links von uns Wald.

Zweimal geht es nach links, km4, nun laufen wir durch eine Vorortsiedlung an Bungalows vorbei. Von links kommen schnelle 10km-Läufer dazu, die sind einige Minuten nach uns gestartet, schneiden hier aber fast 2km ab.

Wir laufen nun auf der rechten Straßenhälfte, die etwas nach außen hängt. Bei der Labestelle bei km6 verliere ich ein paar Sekunden auf Günter als Günther aus einem Dixi-Klo heraus wieder das Rennen auf nimmt. Die beiden laufen etwa 20m vor mir. Da und dort gibt es Anwohner die uns verhalten anfeuern, eine hat das rechte Bein in Gips. Nach km7, rechts von uns der Kemijoki-Fluss, kommen wir an einem Sportplatz vorbei. Hier soll wohl demnächst ein American-Football-Match beginnen.

Wir unterqueren eine Durchzugsstraße und laufen durch ein Birkenwäldchen, links von uns ein See. Für die ersten 8km haben wir 45min gebraucht, auf der Yliopistonkatu (so heißt die Straße) hat ein Südtiroler zu uns aufgeschlossen. Ein Freund von ihm war hier während seiner Studienzeit und hat daheim begeistert von diesem Marathon erzählt. Nun sind sie in Mannschaftsstärke raufgeflogen.

Dann eine Spitzkehre, Sandweg, wir umrunden im Uhrzeigersinn den kleinen Kirkkolampi-See, darin ein bewaldetes Inselchen. Es wird gefischt. Nach der Labestelle bei km9 ist es ein paar Meter lang matschig. Wenn man bedenkt, dass es heute früh noch geregnet hat, sind die matschigen Streckenteile wirklich minimal.

Nach der Umrundung überqueren wir die Yliopistonkatu und sind nun am Ufer des Kemijoki an dessen rechtem Ufer wir nun stadteinwärts laufen. Bei km10 laufen wir unter eine zweistöckigen Stahlträgerbrücke durch, oben Eisenbahnschienen, unten für den Straßenverkehr. Weiter am Ufer, bei km11, das ist ganz in der Nähe unseres Hotels, feuern uns enthusiastisch unsere Frauen an.

Wir laufen weiter, unter der Holzfällers-Kerze – Brücke durch und in weitem 270°-Bogen rauf, am Holzfällerdenkmal (fin.: Jätkänpatsas) aus 1955 vorbei. Und nun über die Brücke drüber, links weiter am welligen Radweg, km12. Dieser folgt einer Straße und der Eisenbahn, nach km14 geht es auf der nächsten Brücke wieder über den Kemijoki.

Rechts eine Tankstelle, wir biegen links ab und überqueren schließlich die Straße, immer abgesichert von Streckenposten, auf der andere Straßenseite laufen wir weiter.

Rechts ab in den Wald, der Asphalt ist da brüchig, eine kleine Kompression, km15 nach 1h26min. Ich habe zu den Günt(h)ers aufgeschlossen. Haken schlagend geht es weiter, Bungalows auch hier. Die nächste Labestelle bei km16. Wie immer heute gibt es zum Sportgetränk Wasser, Rosinen und in Scheiben geschnittene Essiggurkerl. Letztere in durchsichtigen Plastikbechern und immer in der gleichen Reihenfolge. Man sieht gleich, wovon wie viel drinnen ist.

Rosinen als Stärkung habe ich erstmals beim Marrakesch-Marathon erlebt. Da waren sie mit abgezählten Datteln in einem Sackerl und das war verknotet. Hier in Rovaniemi werden die Rosinen ungleich benutzerfreundlicher zur Verfügung gestellt.

Lange werde ich mein Tempo nicht mehr halten können. Beim nächsten Kreisverkehr geht es außen rum, dann auf einem die Straße begleitenden Radweg weiter. Beiderseits Wald, wieder ein Anstieg nach km17, eine Kreuzung, dann leichtes Gefälle. Kurzfristig bin ich zweitplatzierter Österreicher im Rennen, Roman ist auf und davon. Höchste Zeit für mein PowerGel, ich lasse die Günt(h)ers ziehen. Bleibt mir auch gar nichts anderes übrig, ich laufe schon die ganze Zeit über meine Verhältnisse.

Beim Gebrauchtwagenhändler links steht hinter einer Halle ein grauer Ford Anglia. Das Modell mit außen liegender Hutablage, denn der hat Windschutzscheibe und Heckscheibe beinahe parallel. Dieses Modell ist auch schon über 50 Jahre alt. Schräg gegenüber gibt es Rasenmäher, Quads, Microcars und Schneemobile zu kaufen.

Der Radweg ist frisch angelegt, es geht nun bis in die Innenstadt im Wesentlichen der E-75 entlang. Erst noch an einem Supermarkt vorbei und unter der Kuusamontie durch. Die Strecke ist immer gut ausgeschildert und die Streckenposten geben acht auf uns.

Labestelle km20, von rechts mündet hier der Ounasjoki in den Kemijoki, der mit 550km der längste Fluss Finnlands ist und in den Bottnischen Meerbusen mündet. Aus Lappland fließt soviel Wasser ins Meer, sodass sich im nördlichen Teil der Ostsee sogar Süßwasserfische halten können.

Noch 500m, dann ist die erste Hälfte geschafft. Vorher noch ein kurzer, zackiger Anstieg. Oben wird für uns Läufer der Verkehr gestoppt, noch 200m. Ich bekomme Applaus vom Weihnachtsmann, der steht da mitten auf der Strecke.

Vor drei Minuten sind die Halbmarathonis abgelassen worden. Über alle Bewerbe sind heute an die 900 LäuferInnen am Start.

Am Beginn meiner zweiten Runde sind da wieder unsere Damen und winken und knipsen. Es dauert nicht lange, und ich überhole die langsamsten der Halbmarathonis. Das macht Spass! Und noch eine und noch ein paar. Bei der nächsten Labestelle, nun km24, ist der Andrang richtig gross.

Ich muss Kräfte sammeln, das meiste Pulver habe ich bereits verschossen. Bei km26, im Garten von Hausnummer 18 stehen zwei ponygroße Hunde. Irische Wolfshunde sind es, die sollen ja recht umgänglich sein.

Die rechts weghängende Fahrbahn tut mir nicht gut, das kurze Stück Baustelle auch nicht, ich spüre es im rechten Knöchel. Die Schmerzen haben bei km15 ihren Ausgang genommen, bei einer abschüssigen Firmenzufahrt habe ich die Bänder überdehnt. 

Das American-Football-Match nach km28 ist mittlerweile im Gange. Die Anzahl der Akteure und die der Zuseher halten sich in etwa die Waage. Nun bläst der Wind richtig kühl, es nieselt kurz ganz leicht, schwarze Wolken über uns, aber der Regen bleibt aus.

Am Beginn der zweiten Umrundung des Kirkkolampi-Sees schwenken unsere Damen die Österreich-Fahne, km30. Es wird noch mühsam werden, ist es eigentlich schon, ich bin seit genau 3 Stunden im Rennen. Jedenfalls freue ich mich auf die nächste Labestelle, ob es dort matschig ist oder nicht. Dem Südtiroler Stefan mache ich Mut als ich ihn überhole. Den weitaus grössten Teil haben wir bereits hinter uns!

Über die Yliopistonkatu drüber, da scheint gerade ein Wettfischen zu Ende zu gehen.

Die Fischer bringen ihre Ausbeute zu einem Zelt, in welchem Pokale zu sehen sind.

Bei km33 sind meine Kräfte zurück gekehrt, wenn zunächst auch nur für 3km.

Ich spüre sämtliche Muskeln in den Beinen und den rechten Knöchel. Nur gut dass ich schon so weit bin, ich verliere einige Positionen. Zwei Sprungschanzen haben sie hier auch. Beim Anglia muss ich lächeln, vor Ewigkeiten hatte mein Onkel so einen, in beige.

Jetzt liegt ja nur mehr erstklassig asphaltiertes Geläuf vor mir. Meine Powerade-Flasche habe ich längst entsorgt, die Labestellen kommen in angenehm kurzen Abständen, da muss ich nicht zufüttern. Eine Gelse landet auf meinem linken Handrücken, ihr Pech.

Der Streckenposten 2km vorm Ziel, ein junges Mädchen, lächelt mir Kopf nickend zu.

Dann die letzte Labestelle, ein letztes Mal über den Ounasjoki genieße ich den Blick übers Wasser. Dann der letzte Anstieg zum „Maali“, wie man hier zum Ziel sagt.

Für mich wird oben wieder der Verkehr angehalten, 50m vor dem Ziel drückt mir Sieglinde die rot-weiß-rote Fahne in die Hand. Ich höre den Zielsprecher der alle über meinen heutigen 55. Geburtstag informiert und dass das Herberts 88. Marathon ist. 

Evi hat ihn zuvor entsprechend in Kenntnis gesetzt.

Mit fliegender Fahne laufe ich nach 4h25 erleichtert ins Ziel. Ein Wichtel dekoriert mich mit einer wirklich schönen Medaille, mein Fanklub empfängt mich herzlich. Dann schießen wir ein paar Fotos, vier österreichische Finisher. Roman, unser schnellster ist sogar AK-3. (!) geworden. Der dritte Rang bringt ihm bei der Siegerehrung ein richtig schönes Messer vom Hauptsponsor Marttiini, einer ortsansässigen Messerfabrik.  

Beim Santa Claus Hotel gibt es für die Läufer eine köstliche Rentiersuppe mit Weißbrot. Gestern, am Polarkreis beim Santa Claus Village, hatte man fürs Anschauen und Streicheln der Rentiere € 5,- verlangt, heute bekommen wir sie in der Suppe!

Nachdem wir alle gestärkt und saniert sind kommt nach über zwei Tagen um 21 Uhr endlich die Sonne raus. Wie alles gleich viel schöner aussieht mit der richtigen Beleuchtung. Das lädt geradezu ein zu einem ausgedehnten Abendspaziergang.

Mitten in der Nacht stehen wir schließlich da und schauen in die Mitternachtssonne. Was für ein Tag geht zu Ende - Happy Birthday to me!

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 Ums Startgeld von 40,- EURO gab es:

 Netto-Zeit mittels RFID am Schuh

 Viel Asphalt, 358 Höhenmeter (laut Romans Laufcomputer),

 10 -13  Grad, Wolken und stellenweise Wind

 Labestellen ca. alle 3km; zusätzlich im Ziel Rentiersuppe

 Sehr schöne Finishermedaille mit Sonne und Polarkreis drauf

123 Marathonfinisher

Siegerinnen:

1.

Tulppo  Riikka

Finnland

3:15:03

2.

Keränen Jenni

Finnland

3:27:08

3.

Seppälä Jatta

Finnland

3:31:16

 

Sieger: 

1.

Välitalo  Dan

Schweden

2:52:17

2.

Hedger Graham

England

2:58:51

3.

Kyyhkynen Olli

Finnland

2:58:59