Share |

Jeck im Rän (20. Köln-Marathon)

Als ich mir den Titel für den Köln-M-Bericht überlegt habe, war von einem Regenrennen die Rede. So schlimm war es dann aber gar nicht, eigentlich war es ziemlich super. „Jeck im Rän“ = Faschingsnarr im Regen, ist eine Brunnenfigur vor dem Stadtsaal in Frechen, nur ein paar km vom Startplatz Köln-Deutz entfernt.

Mit dem Nachtzug sind Evi und ich nach „Kölle am Rhing“ gekommen, entsprechend k.o. stehe ich samstags Morgen am Bahnsteig in Köln. Kaum etwas geschlafen, diese Liegewagen sind für Leute mit weniger als 175cm Körpergröße schätze ich, für mich jedenfalls ist so ein Bett im Liegewagen viel zu kurz. Wir deponieren das Gepäck im nahen Hotel und fahren mit der S-Bahn raus nach Müngersdorf wo in der Wassermannhalle im Technologiepark die Startnummern abzuholen sind. Das im Zuge einer weitläufigen Marathonmesse, der Andrang ist um 10h vormittags schon enorm. Gut, dass ich kein Auto dabei habe. Weniger gut ist, dass die S-Bahn von Gleis 11 ausgerechnet am Samstag nur alle 30min fährt.

Kein Anstellen beim Abholen der Nummer, es gibt viele Schalter. Es wird der Code der Anmeldebestätigung eingescannt, am Bildschirm kann man lesen, ob die persönlichen Eckdaten und die Chipnummer korrekt sind. Schwuppdiwupp wird die Startnummer ausgedruckt, Goodie-Bag dazu, fertig.

Endlich wieder einmal ein Goodie-Bag - nicht irgendein Plastiksackerl - der diese Bezeichnung auch verdient: Traubenzucker, Schweißband, Dose Red Bull, 0,2-l-Kölsch Bierglas von Brauerei Reissdorf mit Jubiläumslogo 20 Jahre, 1 Präservativ sowie ein Beutelchen Studentenfutter, Stadtplan + Streckenplan mit Info über die Labestellen. Zurück ins Hotel und schlafen. Nachmittags ein Stadtspaziergang, abends bald ins Bett und am Sonntag früh bin ich putzmunter.

Siehe da, es scheint die Sonne! Welch angenehme Überraschung. Ein Hubschrauber ist in der Luft, denn die 14.700 Halbmarathonis starten bereits um 08h30.
Ich gehe durch den Bahnhof, rauf auf die Domplatte. Mit dem Bau des gotischen Doms wurde am 15. August 1248 begonnen, der 15. Oktober 1880 gilt als Fertigstellungs- termin. Noch bis 1883 wurde das Gerüst abgebaut. Schon seit 1904 wird kontinuierlich repariert und ausgebessert, ein Ende ist nicht absehbar.

Ich flaniere am Museum Ludwig vorbei und auf die Hohenzollernbrücke. Abertausende Vorhangschlösser hängen da dicht an dicht als Liebesbeweise an dieser 6-spurigen Eisenbahnbrücke. Die tief stehende Sonne blendet mich, der Rhein reflektiert die Sonnenstrahlen. Der Wind weht. Als ich drüben bin, bin ich beinahe blind. Im Windschatten wird mir schnell wärmer.

Eine Kolonne von UPS-Paketfahrzeugen steht für die Kleiderbeutel der über 5.000 Marathonstarter bereit, 500 Beutel pro Auto.

In der Opladener Straße formiert sich die Startaufstellung. Der WDR macht mit dem Startläufer der „42gegen1“-Staffel gerade ein Interview. 50 Leute wurden gecastet, darunter 5 Frauen. Sie haben die Staffelübergabe trainiert und den km unter 3min zu laufen. Jeden km soll gewechselt werden. Ziel ist es, schneller als der Sieger im Ziel zu sein. 8 Läufer sind Reserve.

Bettina aus Saarbrücken läuft mir über den Weg. Was für eine Freude, wir kennen uns seit dem Rennsteig 2014. Sie war in der Zwischenzeit nicht immer gesund, unter 5 Stunden wären heute okay für sie. Ich habe bei der Anmeldung eine Zielzeit von unter 4h15 angegeben, etwas verwegen, das habe ich über 2 Jahre lang nicht geschafft. Ich stehe im gelben Startblock, dem dritten. 30 Geburtstagskinder laufen heute mit.

Die FC-Fans begrüssen sich heute mit „1:1“, hat doch der 1. FC Köln gestern aus München einen Punkt mitgenommen.

Kurz vor dem Startsignal ist die Sonne verschwunden. 8min nach dem ersten Start überquere ich die Startlinie, es tröpfelt etwas. Eng ist es zu Beginn, es staut, dann wird es weiter. Nach wenigen 100m geht es auf der Deutzer Brücke rüber ans linke Rhein- ufer, ein Linksbogen um das Maritim-Hotel herum und kurz bevor ich auf die Uferstraße komme ist da Evi. Damit weiß sie schon einmal in etwa, wann ich auf die Strecke gegangen bin. Auffallend viele Chinesen laufen mit, einige davon mit dem Shirt vom Berlin-Marathon vor zwei Wochen.

Auf der B51 geht es für ein paar km nach Süden, erst am Schokolademuseum vorbei. Die 9,- € Eintrittsgebühr war es uns gestern nicht wert.
Ein Stück weiter stehen zwischen Rheinufer und Rheinau-Hafen die drei Kranhäuser, moderne Glasbauten, sehen aus wie „r“ oder eben ein Kran mit Ausleger.

Unter der Südbrücke zupft ein Gitarrist an seinem Instrument, er nutzt die gute Akustik des Gewölbes. Die ersten Läufer kommen uns entgegen. Kurz vor km5 geht es zurück, rauf, weg von der Uferstraße, noch einmal nach rechts und die ersten Schüler warten auf ihren Startläufer. Die Schülerstaffeln bestehen aus sechs Läufern, die anderen nur aus deren vier.

Erneut nach rechts, bei km6 sind wir wieder auf der B51 von vorhin. Aus einem Garten ertönt laut: „Sweet Caroline, oh oh oh, good times never seemed so good“. Ich muss mitsingen, das Lied macht gute Stimmung.
Km7, auf der Gegenspur: Der Besenwagen und die dazu gehörigen Busse treiben ein paar gehende Schülerinnen vor sich her. Die scheinen keine Eile zu haben.

Es geht links rauf zur Severinstraße.
Eine Läuferin fotografiert eine halb so alte Teilnehmerin, ich bin mit drauf am Bild. Ein schöner Beifang! Wie ich höre ist es der erste Marathon des Mädchens, die Mutter(?) hat auch eine Startnummer, will aber bei Halbmarathon aussteigen.

Bei der U-Bahnstation Kartäuserhof haben wir die Severinstorburg im Rücken. Ich laufe an die Seite und nehme einen Schluck aus meiner Powerade-Flasche. Seitens des Veranstalters gibt es bis km17 nur Wasser. Damit komme ich nicht über die Runden, aber ich habe vorgesorgt.

Ein Stück weiter ist im März 2009 beim U-Bahnbau das Stadtarchiv eingestürzt, auch gleich die zwei Häuser daneben. Zwei Menschen kamen dabei zu Tode. Mit der Sortierung der Exponate die man aus den Trümmern bergen konnte wird man noch lange beschäftigt sein.

Am Heumarkt bei km9 gibt es wieder Wasser. Evi fragt mich, ob ich Magnesium brauche. Ich verneine, was ein Fehler ist. Eine In-Line Skaterin überholt links und ruft, „Achtung Handbiker!“ Dieser Handbiker hat ein STAFFEL-Schild am Rücken. Wie es überhaupt sehr viel Staffeln zu geben scheint, eben erkennbar an einem blauen Schild aus Karton.

Vorbei am Neumarkt, weiter auf den Rudolfplatz, hier ist in Bezug auf Zuseher viel los. Diesen Platz werde ich kurz vor Halbmarathon aus einer anderen Perspektive wieder sehen. 58min habe ich für die ersten 10km gebraucht. 1. Staffelwechsel, diese haben für den Wechsel eine eigene Spur, Streckenposten achten darauf.

Es hat etwa 15°C, der Wind ist zwischen den Häusern kaum spürbar. Als es aus der Innenstadt raus geht schon. Sprühregen setzt ein, recht ergiebig, es geht unter einer Unterführung durch. Nach 15min hört es wieder auf zu regnen, schnell trocknet es auf. Ich komme an einer Powerzone vorbei. Der Blau-Weiße-Karnevalsverein hat eine eigene Bühne und verbreitet mit Schunkelliedern unter den Zusehern gute Laune. Wir Läufer haben nur kurz etwas davon.

Bei km16 wieder die Unterführung von vorhin. Nun fallen grosse Tropfen, aber auch jetzt nur für wenige Minuten. Das war es auch schon mit dem Regen während des Marathons. Ich nehme mein erstes PowerGel.

Die Strecke führt in fingerartigen Ausbuchtungen in ein Stadtviertel, dann zurück in die Nähe der Innenstadt und von dort ins nächste Viertel (Veedel), das fünf mal. Von kurzen Gegenverkehrsbereichen abgesehen ist kein Streckenabschnitt doppelt zu belaufen. Für interessierte Angehörige eine geradezu ideale Streckenführung, um seinem Läufer unterwegs mehrfach auflauern zu können.

Km17, es gibt Banane, ich nehme ein Stück. Zwischen Marathon und Halbmarathon sind etwa 8km Differenz, die gleich zu Beginn abgekürzt worden sind.
Sambatrommler geben den Rhythmus vor.
Als ich bei km19 bin steht auf die Straße gepinselt: 11.111m bis hierher. Ja, in Köln hat man es mit der Elf, 11.11. ist der Beginn des Karnevals, ich laufe soeben meinen 111. Marathon, wie passend! Wenig später die Spendenmatte, man kann sich aussuchen, ob man drüber läuft oder links daran vorbei. Die Begleiterin des Mädchens kommt mir wieder unter, die Marathonnovizin selber kann ich aber nirgendwo erkennen.

Viele Zuseher und klasse Stimmung wieder am Rudolfplatz, ich freue mich auf das Iso am Friesenplatz wenig später, denn mein Powerade ist aufgebraucht.
HM in brutto 2h13, beim flüssigen Dextro-Energen greife ich zu. Erst am Ende der Labestelle, vorne gibt es immer Stau, die Helferlein hinten haben hingegen kaum was zu tun. Wieder eine eigene Spur für den zweiten Staffelwechsel.

Am Fernsehturm kommt sogar für ein paar min die Sonne raus! Am eleganten Mediapark, Teich, moderne Häuser, ist es dann etwas ereignisarm. Ach ja, Trommler haben sich formiert. Die Xantener Straße runter wird es zugig, Gegenwind, km29.
Ich habe unlängst an einen Laufverein in Xanten geschrieben, ob sie nicht einen Marathon veranstalten wollen? Schließlich gibt es genug Alphabet-Marathonis, die jeden Anfangsbuchstaben gelaufen sein wollen. Für das „X“ müssen diese extra nach Xiamen in China fliegen. Die Xantener könnten da Abhilfe schaffen, haben das aber in absehbarer Zeit nicht vor, wie man mir geantwortet hat.

Links, ich laufe auf km30 zu. Meine gesamte Beinmuskulatur samt Gesäss ist im Minus, ich muss dringend Flüssigkeit aufnehmen. 2h59 bei km30, es ist lange her, dass ich für 30km weniger als 3 Stunden gebraucht habe.
Dann endlich die ausführliche Labestelle bei km31, ich nehme mir Zeit um zu trinken. Jemand beschwert sich bei seinem Freund, dass in dem Coca Cola noch die Kohlen- säure drinnen wäre. Also so was!

Da taucht der 4h15er Ballon auf, befestigt an einer Läuferin in orange. Da werde ich mal eine Weile dran bleiben, nehme ich mir vor. Die Tränke hat mir gut getan. Das Tempo taugt mir, ich komme locker mit, laufe phasenweise voraus und überhole ständig Läufer. Das ist lustig.

In der Amsterdamer Straße dann der dritte Staffelwechsel. Das bemerkt man noch eine Weile später, weil es plötzlich wieder ausgeruhte Läufer und Läuferinnen gibt die es nun natürlich ganz eilig haben. Eine Monika feiert heute ihren 60er. Eine vielköpfige, kostümierte Fangemeinde lauert ihr immer wieder auf, am violetten Heliumballon in Paketform schon von weitem zu erkennen. Irgendwann adoptiert mich diese Gruppe und feuert mich an, als Zeitvertreib bis dann später die Zielperson kommt.

Eine kleine Rampe bei km36, da gehe ich ein paar Schritte. Den Ballon hole ich mir als es wieder runter geht. Wäre ich am Start mit unter 4h30 hoch zufrieden gewesen, will ich nun unter 4h20 ins Ziel, das hatte ich heuer noch nicht.

Die nun üppigen Labestellen kommen immer kürzer, sodass ich nun ohne Flasche in der Hand laufen kann, das entspannt die Schulter. Der Ballon lässt die 38km-Labe aus, ich laufe nicht daran vorbei. Den Ballon hole ich bald wieder ein. Die Zuseher werden immer mehr, die Strecke immer enger, kommt mir vor.

Evi erwartet mich nach etwa 4h30 im Ziel, ich komme voraussichtlich viel zu früh rein. Da steht sie bei km39 am Streckenrand. Ich mache sie darauf aufmerksam: „Das da ist der 4h15er-Ballon!“
Sie ruft: „Bleib dran!“ Ich aber verstehe: „Überhol’ ihn!“ Was ich prompt mache. Neumarkt, tolle Stimmung, Cäcilienstraße, bei km41 gibt es verdünntes Red Bull. Verleiht schnellere Beine, die Strecke wird verengt. Es geht rein in die ohnehin schon schmale Hohe Straße, Fuzo. Man läuft wie in einem Gatter, wie bei der Stierhatz in Pamplona. Viele sind es, die ich noch überholen will. Die Leute auf der provisorischen Fussgängerbrücke unter der ich durchlaufe stehen dicht gedrängt und fotografieren. Dann rechts neben mir der imposante Dom, ein Blick auf die Fassade, nächste Fussgängerbrücke.
Als ich links in die 150m lange Zielgerade einbiege bekomme ich einen Stoss von rechts hinten, jemand stellt mir das Bein. Hat so ein übereifriger, rücksichtloser junger Staffelläufer mir eine Läuferin gegen die Beine gerempelt sodass wir beinahe zu Sturz kommen. Beide können wir einen schmerzhaften Kontakt mit dem Absperrgitter gerade noch verhindern. Was ich dem Kerl hinterher rufe ist nicht druckreif!

Der Zieleinlauf ist wieder breiter, das ist auch notwendig, viele kommen jetzt ins Ziel, brutto 4h21. Wie sich herausstellt netto 4h 13min 29sec So schnell war ich seit 51 Marathons nicht. „Verdamp lang her“ würde BAP sagen.
Es ist ein grosser Unterscheid, ob man wirklich gesund ist oder nicht so ganz. Endlich konnte ich heute wieder einmal ohne Beschwerden laufen. Mit einem Schnitt von unter 6min/km ist es sich um ein paar Sekunden nicht ausgegangen. Ein anderer hat unlängst in Berlin um läppische 6 Sekunden den Weltrekord versäumt. That’s life!

Hinter der Ziellinie ist viel Platz. Evi gratuliert mir über den Zaun und fotografiert den strahlenden Finisher, die grosse Erinnerungsmedaille gibt es wenig später.

Freunde treffe ich auch noch: Dirk Pretorius hat den 3h45-Pacer gemacht, hat er hier doch Heimvorteil. Daher weiß er, dass es ganz hinten Bier mit Drehzahl gibt. Es werden eifrig Erinnerungsfotos geschossen.

Judith und Andreas aus München werden über den Köln-Marathon auf marathon4you.de berichten und Gerhard Wally verköstigt sich in der üppigsten Ziellabe aller Zeiten bis seine Helene eintrifft. Da kann er noch tüchtig zugreifen. Wir sehen uns in zwei Wochen wieder, dann zur Abwechslung in Österreich.

Die Zeit des heutigen Siegers Raymond Kipchumba Choge (KEN): Heutige Damensiegerin: Bornes Jepkurui Kitur (KEN)

5.092 Marathonis kommen ins Ziel: 3.991 Herren + 1.101 Damen

2h 08min 39sec 2h 32min 16sec

___
Im Startgeld von 70,- EURO inklusive Chip-Zeitnehmung gab es
einen gut gefüllten Goodie-bag; Funktionsshirt nur gegen Aufpreis, diverse Gutscheine eine Bestzeit-taugliche Strecke, viel Zuseherinteresse

REWE liefert die üppigste Ziellabe aller Zeiten. Da gab es
Suppe, Schmalzbrote, Hot Dogs, Apfelsaft, Bonaqa, Coca Cola, Krapfen, Traubenzucker, Bananen, Apfelstücke, alk-freies Bier und „richtiges“ Bier.

Kann gut sein, dass ich gar nicht alles von dem Angebot gesehen habe.