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Wien Marathon

2016 wollte ich den Marathon in Wien eigentlich nicht laufen. 7 Tage vorher Linz, 8 Tage später Boston. Nein, Wien musste heuer wirklich nicht sein. Der Zufall in Form von Heidi verschafft mir kurzfristig einen Startplatz. Daher ist Wien heuer für mich ein „Zwickelmarathon“ (O-Ton Günther).

Als ich am 14. April 2013 zuletzt den Wien-Marathon gemacht habe, war die Welt noch in Ordnung. Das Attentat der beiden Idioten im Zielbereich von Boston war einen Tag später. Drei Jahre sind seitdem vergangen.

Am Samstag fahre ich nach Wien, das U-Bahn-Ticket habe ich bereits in der Tasche. Die Startnummer 9209 bekomme ich am Nachmittag in der Messehalle D. Da drin war bei den beiden Vienna-Indoor-Marathons die Wende. Chip habe ich meinen eigenen, muss ich mir keinen ausborgen. Der Starterbag ist bis auf etwas Werbung leer, den braucht man aber für die Kleiderabgabe beim Start.

Neben Sportartikelhändlern und Reiseveranstaltern bewerben viele Lauf-Veranstalter ihren Marathon: Salzburg, München, Florenz, Malta, Gran Canaria…

Die On-Schuhe aus der Schweiz werden vorgestellt, aber da ich Sack und Pack dabei habe erspare ich mir einen Probelauf.

Die Friendship Party im Rathaus muss ohne mich stattfinden. Die kenne ich mittlerweile, wobei, der Festsaal ist schon beeindruckend. Aber um die € 9,- die dort der Kaiserschmarrn gekostet hätte lasse ich mir im Va Piano individuell meine Ravioli zubereiten. Hinterher nutze ich meine 24h-Karte der Wiener Linien aus und fahre ins Zentrum, Wien-Eindrücke sammeln.

Sonntag, der Wecker läutet um 6h30, mein Frühstück sind zwei mitgebrachte Marmeladesemmeln und Mineralwasser. Es hat 8°C und wie am Vortag ist es scheußlich windig. Da ich zeitig dran bin bekomme ich in der U-Bahn sogar einen Sitzplatz, auf den Beinen werde ich heute noch lange genug sein. Nach und nach füllt sich die Wagramer Straße vor der Uno City mit Läufern, viele kommen von weit her. Ich habe ein weitgehend windstilles Eck als Basislager. Heidi kommt dazu, zwischen den zwei Marathons von Linz und Hamburg zwickt sie ebenfalls den Wien-M ein.

Es wird Zeit den Kleiderbeutel abzugeben und sich in die Startaufstellung zu verfügen.

Rekordmarathoni Gerhard Wally ist, eh klar, auch am Start. Sein 31. Wien-Marathon in Folge wird das heute!

Früher wurde am Start hier Mineralwasser ausgegeben, heute nicht. Ob es an der

bescheidenen Temperatur liegt? In der Startaufstellung schließlich noch ein bekanntes Gesicht, Harald Schlöglhofer, wir kennen uns vom Rauchwart-M im vorigen November, 3h50 will er laufen. Ich bin heute mit 4h30 zufrieden.

Wegen des Windes habe ich einen Windschutz aus dünner Folie, darunter bin ich langärmlig und kurz behost und ausnahmsweise mit Kappe am Kopf.

Es wird die Bundeshymne gespielt und natürlich der Donauwalzer. Schließlich erfolgt um 08h58 weit vorne der Start der Eliteläufer. Dann wird die erste Startwelle ins Rennen geschickt. Alle rücken nach.

Ich denke es wird gleich los gehen und entsorge die Folie. Ein Fehler, es wird noch zugewartet. Es vergehen weitere 10min bis ich die Startlinie überquere, endlich geht es los, mir ist kalt. Gut, dass es gleich einmal die Brücke rauf geht. Schlecht, dass es dort besonders windig ist.

Ich genieße die Stimmung und dass ich heute Zeit habe und nicht fotografieren werde unterwegs. Der Trubel hier ist schon beachtlich. Besonders beeindruckend ist der Blick vom Kulminationspunkt der Brücke runter zum Praterstern. Auf 6 Spuren tummelt sich das bunte Läufervolk. Läufer, so weit das Auge reicht. 6.600 haben den Marathon in Angriff genommen, 3.900 Startläufer der 4er-Staffeln sowie etwa 14.000 sind auf den 21,1km unterwegs.

Bei km2 fliegt meine Schirmmütze an den Straßenrand, die brauche ich nicht mehr.

Nach dem Praterstern sind alle auf der Prater Hauptallee vereint die damit gut gefüllt ist. Dass es immer wieder Leute gibt die zu dritt oder viert nebeneinander dahinbummeln verstehe ich nicht. Dann sollen sie doch bitte weiter hinten starten oder eben nicht als Staumauer unterwegs sein.

Links das Riesenrad mit den ganz neuen Waggons nach ganz alten Plänen und mit funkelnigelnagelneuer  Achterbahn, vor ein paar Tagen eröffnet. Die Prater-Hauptallee ist 4,4km lang, wir werden sie zur Gänze ablaufen, die ersten 2km stehen zu Beginn am Programm.

Rauf Richtung Lusthaus das da am oberen Ende ist. Ich laufe immer knapp unter 6min/km. Mein letzter Marathon ist 7 Tage her und 10km/h sind schnell genug. Für die ersten 5km brauche ich demnach knapp 30min.

Bevor es aus dem Prater raus geht, dem ehemaligen Jagdrevier des Kaisers, gibt es zu trinken. Das kommt mir recht, in der Startaufstellung hätte ich glatt einen Schluck Wasser genommen, wäre welches verfügbar gewesen.  

Bei km6 sind wir auf der Schüttelstraße entlang des Donaukanals und laufen stadteinwärts. Zusätzlich zu den Versorgungsstellen gibt es Wasserstationen. Wolfgang Bernath knipst von hinten und überholt strahlend. Er ist so wie ich marathon4you.de-Reporter und umarmt mich laufend. Er ist bester Laune und mit einem Freund unterwegs. Ein Bild von vorne dann muss er weiter, bei km7 warten ihre Frauen auf sie.

Am jenseitigen Ufer des Donaukanals ist die Urania zu sehen, dort mündet der Wien-Fluss ein. Die Urania ist eine Sternwarte im 1. Wiener Gemeindebezirk, im Mai 1910 in Betrieb genommen, gerade noch rechtzeitig um den Vorbeiflug des Halleyschen Kometen beobachten zu können, der sich etwa alle 76 Jahre anschauen lässt.

Wir passieren km9, überqueren den Donaukanal und sind im ersten Bezirk. Nun geht es den Ring rauf. Hier stehen Ministerien, die berühmten Ringstraßenpalais und viele Nobelhotels. Erst einmal Kunstuni, das MAK (Museum für Angewandte Kunst), km10, am Stadtpark entlang, das Ritz-Carlton, dann links Blick auf den Schwarzenbergplatz mit dem grossen Springbrunnen, weiters das Hotel Imperial, rechts das Hotel Bristol, erstklassige Stimmung hier und an der Oper geht es links weg in die Operngasse Richtung Linz und Graz. So steht es auf den Abbiegespuren. 

Vorbei an der Wiener Secession, Museum für zeitgenössische Kunst. Dieses Gebäude ist auf der österr. 50-Cent-Münze zu sehen. “Der Zeit ihre Kunst, der Kunst ihre Freiheit“ – steht in goldenen Buchstaben drauf. Rechts das „Theater an der Wien“, links der Naschmarkt. Diesen Naschmarkt hat man über den Wienfluss gebaut. Kurz vor seiner Mündung kommt dieser Fluss dann ab dem Stadtpark wieder ans Tageslicht.

Die Sonne kommt raus, gleich wird es etwas wärmer, leider nur für wenige Minuten.

Der Gegenwind in der Linken Wienzeile raus zum Schloss Schönbrunn ist richtig ungemütlich, also richtig.

Km15, ich bin seit 89min 53sec unterwegs. Bei der Labestelle gibt es zum Wasser und zum Powerade erstmals Bananen. Hier liegen bereits abertausende zersplitterte Plastikbecher, die beim Drüberlaufen ungeheuren Lärm erzeugen. Dazu kommen flächendeckende Mengen an Bananenschalen.

Wir nähern uns Schönbrunn und laufen die Schlossallee rauf, rechter Hand der Auer-Welsbach-Park. Zum Glück sind wir nun etwas aus dem Wind.

Ein Blick zurück: Hinter uns Schloss Schönbrunn, darüber die Gloriette, sehr prachtvoll! Vor dem Technischen Museum, nach km16 erfolgt der erste Staffelwechsel.   

Wir sind an der höchsten Stelle des Marathons. Vorbei am Westbahnhof, quer über den Gürtel, die Mahü (Mariahilfer Straße) weiter Richtung Ring. Bei km19 gibt es noch eine gut frequentierte Labestelle, ich muss auftanken. Im Schatten der Häuser auf der Mariahilfer Straße runter zum Kunsthistorischen Museum, diesmal trennt sich die Halbmarathonmeute vom Marathonfeld vorher. Schilder machen auf die Abzweigung aufmerksam, außerdem achten Streckenposten darauf, dass man sich richtig einreiht.

Während die Halbmarathonis geradeaus zum Ring laufen, biegen die anderen links ab in die sogenannte Zweier-Linie, Museumsplatz, km20. Wir sind wieder voll im Wind.

Es ist etwas ruhiger geworden, aber aufgrund des großen Starterfeldes - inkl. der Staffeln - ist man als Marathonläufer hier nach der Halbdistanz nicht einsam.

Das Kunsthistorische Museum wurde Ende des 19. Jahrhunderts gegründet, wie sein Schwestergebäude das Naturhistorische Museum, dazwischen das große Maria-Theresia-Denkmal. Anneliese hatte hier 2008 ihren Halbmarathonerfolg gefeiert. Das werde ich nie vergessen welche Freude sie damit hatte.

Am Volkstheater vorbei, dann am sehenswerten Justizministerium. Die Strecke macht  einen Rechtsknick, damit ist der Gegenwind weg. Es gefällt mir hier, Palais Auersperg, die Rückseite vom Rathaus sieht auch grandios aus. Die dazugehörige U-Bahn-Station ist aber gesperrt, warum auch immer.

Bei der Votivkirche ist der nächste Staffelwechsel, frische Läufer nehmen das Rennen auf und haben es gleich furchtbar eilig. Die werden auch noch ruhiger werden.

Ab km22 geht es einmal eine Weile bergab, bei km23 wieder gegen den Wind.

Dann geht es wieder über den Donaukanal auf die Obere Donaustraße, wir müssen noch einmal in den Prater. Ich laufe im Wohlfühlmodus, zertretene Plastikbecher überholen mich raschelnd, endlich einmal Rückenwind. Das ändert sich abrupt als es nach km26 links in die Aspernbrückengasse geht. Ein wahrer Windkanal, schlagartig wird mir kalt. In der Praterstraße wird es aber gleich etwas besser.

Obwohl hier sauberer Asphalt ist schafft es ein Steinchen in meinen rechten Schuh.

Km27, vielleicht geht es ja mit Steinchen. Wieder der Praterstern mit Tegetthoffdenkmal. Wilhelm von Tegetthoff (geb. 1827) war Kommandant der österreichisch-ungarischen Kriegsmarine.

Das mit dem Steinchen geht so nicht weiter, ich halte Ausschau nach einer Bank, muss den Schuh ausziehen. Die Bänke stehen etwas versetzt im Rückraum. Bei der Römer-quelle-Wasserstelle, km 27,5, ist ein Stückchen Bierbank frei, da nehme ich Platz.

Vom Schmerz befreit geht es bald weiter. Leopold Eigner sehe ich da, er ist auf seinem 111. Marathon unterwegs. Ich klopfe ihm auf die rechte Schulter, wir wünschen uns Alles Gute für das letzte Streckendrittel!

Ein wuchtiger Coca-Cola-Freightliner steht da, Powerzone. Es geht links in die Stadionallee zum Ernst-Happel-Stadion, ehem. Praterstadion, km30. U-turn, damit man nicht über die Verkehrsinsel stolpert wurden kleine Rampen asphaltiert.

Bei der Labestelle lasse ich mir Zeit. Ich fülle meine Powerade-Flasche halb auf.

Der letzte Staffelwechsel steht bevor. Hier gibt es für die Staffelläufer eine eigene Spur, wie beim Frankfurt-M. Die C-Läufer laufen in eine Art Boxengasse, die D-Läufer werden später wieder auf die Strecke geschleust. Das ist ideal für uns Marathonis, so gibt es kein Gedränge auf der Strecke.

Nun geht es 2km geradeaus zum Lusthaus, wieder mit Gegenverkehr. Harald kommt mir entgegen, ein läuft ein paar Schritte vor dem sub 4h-Pacer. Über Lautsprecher wird auf den nächsten Kilometern das Ö3-Marathonprogramm übertragen das gerade im Radio läuft. Gute Idee!

Nach km32 geht es rund ums Lusthaus, nun ein Restaurant. Erstmals 1560 erwähnt, diente es als Jagdhaus des Kaisers. An diesem äußersten Punkt des Kurses überqueren wir gleich drei Kontrollmatten in enger Folge.

Die nächsten 2,5km haben wir recht kühlen Gegenwind. Ich erinnere mich, ein Schlauchtuch um den Hals zu haben – ich ziehe es über den Kopf, das hilft gegen den kalten Wind.

Bei km35 verlassen wir die Prater-Hauptallee, da steht ein junger Mann mit einem Schild: „5/6 habt ihr schon geschafft!“ Recht hat er. Schrebergärten, ein leichter Anstieg und rechts in die Schüttelstraße der wir 2km lang folgen, links unten strömt der Donaukanal. Schon auf der Franzensbrücke überqueren wir diesen und laufen die Radetzkystraße runter. Hier wird Live-Musik geboten, ich werde angesungen: „Schenk mir diese eine Nacht…“, und kriege das Lied nicht mehr aus dem Kopf.  

Vor mir läuft ein alter Schwede. Vier junge Leute, alle eine Schwedenfahne schwenkend jubeln ihm zu. Genau auf den haben sie gewartet. Einer von denen sprintet ihm im Wollmantel hinterher und macht noch ein Selfie. Dabei ist der Schwede gar nicht so alt, nur 4 Jahre älter als ich, er ist eher ein Altausseher. 

Auf Straßenbahnschienen laufen wir am Gesundheitsministerium mit Skulpturen davor vorbei, ein Blick rechts auf die Urania, wir laufen links in die Vordere Zollamtstraße,

dem Wien-Fluss entlang und überqueren ihn beim MAK, da waren wir vor 30km schon einmal. Nun als wieder am Ring.

Beim „Erdinger“-Bogen türmen sich junge Mädchen auf, der Sprecher weiß: „Nur mehr 2,3km!“ Was man sieht: es geht leicht bergauf, Km40.

Am Schwarzenberg Platz vorbei, dann am Hotel Imperial. So nah wie die letzten Jahre an dieser Stelle ist das Ziel heuer noch nicht. Nichts mehr ist es mit dem Zieleinlauf durchs Heldentor, heuer und zumindest bis 2020 müssen wir daran vorbei.

Aber erst einmal kommt die Staatsoper mit überschäumender Stimmung davor. Ab da wird die Strecke eine Spur steiler. Am Heldentor vorbei, weiter, weiter, ich laufe ganz rechts zwischen den Schienen der Bim.

4h30 könnte sich noch ausgehen. Das sub-4h30er Fähnchen ist etwa 300m vor mir.

Das „500m“-Schild sehe ich, dahinter das Parlament, rechts in die Zielgerade. Zwei Zeiten laufen mit, zwischen Rathaus und Burgtheater bin ich mit brutto 4h50 im Ziel.

Es könnte sich ausgegangen sein.

Ich bekomme mit einem Lächeln und „Gratulation“ meine schöne Finishermedaille:

5-zackiger Stern mit einem Brillianten am weinroten Band, „theater of emotions“ ist da in Goldschrift zu lesen.

Es gibt Römerquelle und Erdinger alkoholfrei und einen Beutel mit Obst, Schokoriegel, Powerade und Wasser. Da es bei 11°-12°C nach wie vor windig ist und ich verschwitzt bin suche ich schleunigst den LKW-Wechselaufbau mit meiner trockenen Kleidung. Weil ich mit spät angemeldet habe, muss ich am weitesten gehen. Das nächste Mal melde ich mich ganz früh an, nehme ich mir vor.

 

Erschütternd schmuddelig sind die Duschen im Zelt hinterm Rathaus. Vor allem jener Bereich, wo man sich umziehen soll. Lauter nasse Windschutzfolien knöcheltief am Boden. Keine Chance sich wo hinzusetzen.

Also entweder unter 2h45 oder über 5h45 finishen, dann müsste es erträglich sein hier.

Nachdem ich sauber bin wandle ich die Zielgerade entlang zum Parlament. Gleich fünf Mädchen, jede mit einem Schwedenbombenkarton vor dem Bauch, kommen mir entgegen und bieten mir eine Schwedenbombe an. Ich habe keine enttäuscht.

Als ich später meine Zeit erfahre bin ich richtig happy. Nach jeweils vier Zeiten mit 4h29 und 4h31 habe ich auf 4h30 eine Punktlandung hingelegt.

Harald ist auch punktgelandet, auf 3h50, wie er es geplant hatte.

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Startgeld 69,- EURO aufwärts

geschmackvolle Finishermedaille

Genug Versorgungsstellen mit Wasser, Iso, Bananen, zum Schluss auch Cola

Ziellabe: Wasser, Erdinger alkoholfrei; Obst, Schokoriegel und Powerade im Beutel

Sieger:

  1. Robert Chemosin  KEN   2h 09min 48sec 

13. Valentin Pfeil          AUT   2h 16min 37sec    seine Marathonpremiere

 

  1. Shuko Genemo      ETH   2h 24min 31sec 

13. Karin Freitag           AUT   2h 43min 25sec