Share |

Ultra Trail du Mont Blanc - meine persönlichen Gedanken zu diesem Lauf

Alle Jahre wieder greifen für kurze Zeit die Filter der Zivilisation nicht mehr und erwachsene Menschen sprechen einem Laufwettbewerb namens „UTMB“ höhere symbolische Bedeutung zu. Schon die Ausscheidung dafür wird zum Schlachtfeld der Werte, aber auch zur Projektionsfläche kindlicher Fantasien. Die zu befürchtenden Kollisionen mit der Wirklichkeit verhindern strenge Qualifikationsrituale mit komplexen Punktemodellen.

Dass dieser Trail kein Garten Eden ist, in dem die Rehe über Lichtungen spazieren und Mädchen beim Frisieren beobachten, ist allerdings allen schon vorher bewusst. Das Trauma, das jeder Ultraläufer erlitt, als er einmal aufgab, überträgt sich. Manische Laufwut und Mitleidsethik, die vor pathetischen Bildern nicht zurückschreckt, haben in dieser Erfahrung wohl ihren Ursprung.

Dass man Mitleid auch als eine Form des Egoismus deuten kann, wie es Nietzsche anregte, kommt den meisten nicht in den Sinn. Dafür entdecken sie spirituelle Momente des Dauerlaufes. Von einfachen Denkmustern gefesselt, kommen viele dieser Helden der eigenen Triebstruktur nicht auf die Spur. Sie leben nicht selbst, sondern werden von inneren und äußeren Kräften durch die Existenz gepeitscht. Auf den Trails fließt dann Blut, der Nachthimmel wird mit totem Auge abgescannt. Sehnsüchte zu projizieren hat keinen Sinn.

"Das Ich ist ein anderer", formulierte schon der Poet und Waffenhändler Arthur Rimbaud einst. Niemand setzt den permanenten Rollenwechsel konsequenter um als Ultratrailläufer. Mit verschmutzten Schuhen, aber sauberen Fingernägeln mutieren sie zu neuzeitlichen Tramps, vereinen Renegatentum und Ironie, leben die lockere Moral des fahrenden Minstrel genauso wie den strengen Sittenkodex des christlichen Wanderpredigers. Hauptsache: Bewegung. Und die zeigt, dass das Glück nicht konsequent ist. In dieser Nacht wird es zumindest ganz, ganz nah sein.

Im Ziel junge Männer mit Tränen in den Augen, die offenbar ihre Rasierapparate entsorgt und nichts als reine Emotion sein wollen. Ihr Faible für Trailrunning hat für einen Bruch in ihrem Leben gesorgt. Statt auf ewig im Unverbindlichen zu verweilen, seilen sie sich ins Feuer der großen Emotionen ab. Dieser Ultratrail ist zweifellos der bisherige Höhepunkt im Schaffen jedes dünnhäutigen Trailrunners, der seine Krisen laufend verwertet. Der vor kurzem noch an sich selbst konstatierte Verwesungsprozess ist damit eindrucksvoll gestoppt. Der Glamour ist abgeschafft, die innere Schönheit erwacht.

Der Lauf um den Mont Blanc war so schnell Sehnsuchtsort dieser neugierigen Sprösslinge geworden. Ihm entströmt nachhaltig sanfte Energie, statt würzigem Haschischduft und aromatischer Whiskeydämpfe. Frei flottierende Lebensrythmen prägen dabei ihr Bewusstsein, das urbane Realitätsprinzip hat wenig Chance. Dazu kommt ein schwärmerisches, beinah esoterisches Verhältnis zur Natur. Aus beidem entwickeln die Läufer eine extrem entspannte Ästhetik, die aus der Perspektive der westlichen Hemisphäre völlig aus der Zeit gefallen scheint. Licht, Luft und Sonne regieren die Vita der UTMB-Finisher, der seit seinem ersten Auftauchen vor 10 Jahren vor allem die Bewohner großer Städte fasziniert.

Prinzipiell gab es für sie bislang nur zwei Arten von Trails: gute und schlechte. „Es kommt nicht darauf an, was du läufst, sondern wie du läufst.“ Dieses frei übertragene Diktum aus dem Munde des Jazztrompeters Louis Armstrong wurde reichlich strapaziert. Oft durch Verkürzung verfälscht, würde der ursprüngliche Merksatz sogar noch eine Erweiterung vertragen. Wenn sich langjährige Läufer eine gewisse Offenheit gestatten, könnten sie bemerkt haben, dass das, was einst eisernes Urteil war, der Zeit nicht immer standhält!

Trailrunning lukriert seinen Charme doch ganz wesentlich aus umfassendem Dilettantismus. Der ist freilich massiv in Gefahr, wenn die Läufer nach einigen Jahren ihre Strecken richtig einschätzen können und merken, dass es zumindest Abstufungen in der Schinderei gibt.

Bei UTMB-Finishern hat sich allerdings der Außenseiter-Ingrimm, den sie sich als Ultratrailrunner erworben hatten, laufend abgeschliffen. Durch teilnehmende Profiteams und perfekte Organisation wurden sie salonfähig gemacht und haben dabei erkannt, dass es viel lustiger ist, im Salon subversiv zu sein, statt sich ständig ans Regelwerk des Konformismus des Andersseins halten zu müssen, wie es jede Subkultur einfordert.

Diese Erkenntnis hat sich massiv auch in uns niedergeschlagen. Statt Ruppigkeit lockt nun eine Reichhaltigkeit der Erlebnisse, die gewiss mehr Herausforderung bietet als das sture Kratzen in der alten Laufspur. Statt dem Diktat einer schmutzstarrenden Ausdauer-Ästhetik zu gehorchen, heben wir forsch zu neuen Sphären ab. Mögen Alt-Trailmaniaks nun meinen, dass Erfolg korrumpiere, die schlichte Wahrheit ist: Es ist nicht alles gut, was wehtut.

Dominik Aichinger, Architekt und Läufer