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Rrrrrotterdammmmm

Als ich zum ersten Mal in Rotterdam war, gab es hier noch keinen Marathon. Heuer gibt es bereits die 35. Auflage. Das Samstagwetter ist, als die Kinder laufen, richtig ungemütlich. Aber weil wir schon groß sind laufen wir Marathon, und am Sonntag haben wir Glück mit dem Wetter.

Mit der transavia aus Wien kommend sind wir eingeschwebt, schon am Freitag, als es noch 21°C hatte. Wir, das sind Günther, Günter, Karl und ich. Irgendwie hätte ich mir für Rotterdam einen größeren Airport erwartet, aber die kleinen Flughäfen sind mir eh sympathischer, da sind die Wege nicht so lang. Der Taxler muss uns hinter dem Stadhuis absetzen, denn die Straße zu unserem Hotel ist bereits gesperrt, wegen des Marathons.

Da sehen wir gleich, wo wir am Sonntag starten werden.

Am Samstag sehen wir uns die Stadt an, in Rotterdam gehört eine Hafenrundfahrt dazu.

Die kuriosesten Wolkenkratzer gibt es hier, die Architekten scheinen völlig freie Hand zu haben. Von der Altstadt ist wenig übrig, die wurde im Mai 1940 ziemlich gründlich bombardiert.

Auf halber Höhe des Euromast (1960) haben wir mit Raymond unsere Pastaparty, in meinem Fall ist das ein wunderbares Steak. Der Ausblick rundum von da oben ist fantastisch, die untergehende Sonne liefert die beeindruckende Beleuchtung. Raymond lebt seit Jahrzehnten in Rotterdam. Wir zwei sind uns beim Bratislava-Marathon 2011 über den Weg gelaufen, bei km22. Ich habe ihn da mit seiner Kamera geknipst. Seitdem sind wir in Kontakt. Er hat schon die wildesten und exotischsten Ultras gemacht, den Heimmarathon lässt er sich natürlich nicht entgehen. Den will er nämlich 50x (!) laufen, 16x hat er schon. Ich traue es ihm zu.

Renntag, 12. April

Aus gegebenem Anlass gibt es das Frühstück im NH Atlanta Rotterdam schon ab 06h00. Es ist das älteste Hotel Rotterdams, 1930 erbaut und liegt fast unmittelbar bei Start + Ziel, es ist voll mit Läufern aus aller Herren Länder. Keine Wolke am Himmel, die Fahnen flattern heftig, es hat 6°C, es soll aber wärmer werden.

Veronika und Franz sind auch startklar, so sind wir nun sechs von unserem Läuferstammtisch. Als ich in meinen Startblock will, ist der hoffnungslos überfüllt. Das hier obligate „You’ll never walk alone“ singe ich von außerhalb mit, wie unzählige andere auch.

Der Start erfolgt um 10 Uhr, nach 10min die zweite Startwelle, da bin ich dabei. Auf zwei x zwei Spuren laufen wir auf die Erasmusbrücke zu, dazwischen liegen Straßenbahnschienen. Relativ schmal für so viele Läufer, alleine auf der Marathondistanz gibt es 12.000 Starter, dazu kommen 2er- und 4er-Staffeln. Halbmarathon gibt es keinen, sodass gewährleistet ist, dass nahezu gleich viele Läufer ins Ziel kommen wie gestartet sind. Dass ab km21,1 plötzlich 75% der Läufer im Ziel sind und man als Marathoni vereinsamt, gibt es hier nicht. Gut so!

Die Temperatur ist nun knapp zweistellig, dabei weht der Wind ganz kräftig, aber es ist auszuhalten. Auf der Brücke über die Maas kann er gut an, aber durch den leichten Anstieg wird einem eh warm. Da sehe ich zwei Läufer vom ETSV-Lauda vor mir, und eine Handvoll von ihren Vereinskollegen am Streckenrand die sie wie wild anfeuern. Mit ihrer gelb-schwarzen Vereinskleidung inklusive Hut sind sie nicht zu übersehen.

Die erste Labestelle wenig später hat noch geschlossen. Zwar ist alles aufgebaut, aber die Helfer verstellen den Zugriff, denn erst bei km25 darf man da zugreifen. Die Strecke ist nun breiter geworden. Im Ortsteil Feijenoord laufen wir über die Eisenbahn, rechts unten ist eine schöne Moschee zu sehen. Hier ist auch das Stadion von Feyenoord Rotterdam. Man beachte die Schreibweise!

Km5, erste Labestelle: Kaltes Wasser und kaltes AA, so heißt hier das Iso-Getränk. Die Pappbecher haben einen Schaumgummideckel mit zwei Kerben. Eine Kerbe zum Trinken, die andere für die Belüftung, damit soll man nicht so viel verschütten und laufend trinken können. Das Wasser schmeckt meines Erachtens nach leider nach Schaumgummi.

Städtebaulich tut sich hier wenig, es ist eine relativ neue Wohngegend. Dafür sind aber Anwohner an der Strecke die uns anfeuern. Ein kleines Mädchen pflückt Märzenbecher am Mittelstreifen, ihr Interesse an den Läufern ist erschöpft.

Die Marathonis erkennt man an den Startnummern vorne UND am Rücken, die Staffelläufer haben nur für vorne eine Nummer.

Vor mir unterhalten sich zwei Staffelläufer angeregt. Sie bemerken nicht, dass sich die Strecke teilt und sie nach 10km eigentlich ihren Teil erledigt haben. Eine riesengroße Tafel zeigt das an, mit Zwischenzeit, 58min bis hierher.

„Business Estafette Marathon RECHTS“, werden sie angebrüllt. Sie kriegen es nicht mit. Ich rufe dasselbe, vielleicht kriegen sie ja noch die Kurve. Die beiden laufen ungerührt weiter und verpassen ihre Wechselzone. Als sie 6min später das 11km-Schild sehen, bleiben sie stehen und drehen sich um. Jetzt erst ist bei ihnen der Groschen gefallen. Dumm gelaufen!

Ab hier geht es auf einem Damm über 3km schnurgerade weiter, mit kühlem Wind von links vorne. Rechts von uns ein Kanal. Das wurde auch Zeit, schließlich sind wir in Holland.

Nach km14 biegen wir rechts ab, nun wieder stadteinwärts. Eine Kapelle bläst uns den Marsch. Hier sind wieder mehr Zuseher, stellenweise ist der Jubel richtig überschäumend.

1h28 bei km15, ich kann mein Tempo halten, trotz der Fotos, die ich unterwegs mache.

Bei den Labestellen hört man erst „Water, Water!“, dann „AA, AA!“ Bei allen in der gleichen Reihenfolge. Obst, Waffeln, Brot oder etwas bissfestes gibt es nicht.

Bei km17 folgt eine Erfrischungszone, wir waten förmlich durch quatschnasse gelbe Schwämme. Im Gegensatz zu mir gibt es Läufer, die schwören drauf. Ich sehe das Wasser eher als Bedrohung für meine Kamera. Es wäre nicht die erste, die man mir damit ruinieren würde, also bleibe ich schön in der Mitte. Zeit für mich, mein PowerGel einzunehmen.

1h58 bei km20, der nächsten Labe widme ich mich ausführlicher, ich fülle mir meine Flasche auf. Kurz nach dem Halbmarathon kommen wir zur Ausfahrt des Tunnels unter der Maas. Gestern beim Euromast waren wir auf der anderen Seite dieser Röhre. Eine kleine Anhöhe, dann geht es gerade weiter. Das Läuferfeld ist unverändert dicht. Als einer vor mir im Rinnstein umknöchelt und zu Sturz kommt kann ich gerade noch ausweichen. Der steht bald wieder, hat sich aber aufgeschürft.

Ich bekomme etwas Muskelprobleme und muss ein paar Erholungsschritte einlegen. Richtig heftig weht der Wind bei der Labe km25 und kalt ist es da im Schatten auch. Die Zuseher haben Anorak an und die Kapuze auf. Auf der Erasmusbrücke scheint wieder die Sonne, der Ausblick ist sehr schön. Mir fährt der Wind unter die Startnummer am Rücken dass sie laut knattert. Mehr aber auch nicht.

Brücke runter, links weg und kurz danach eine großzügige 180°-Kurve. Die Strecke führt nun unter der Startgeraden durch. Vorhin war hier der Start des ¼-Marathons. Mit 11.524 Finishern auch keine kleine Veranstaltung!

In der Unterführung hauen 20 Leute auf ihre Trommeln. Der Krach ist gewaltig, die haben eine mords Freude daran. Ein leichter Anstieg, nun wird es von den Bauten her interessant. Die moderne Markthal, dahinter die Laurenskirche (1525), das einzige Gebäude aus dem Mittelalter, und unter den Kubushäusern durch. Sehen aus wie Würfel, die auf einem Eck stehen. Erinnert etwas an eine Mautstation, da sind aber Wohnungen und Geschäfte drinnen. Hier haben wir Gegenverkehr. Während ich auf km30 zulaufe, haben die auf der anderen Straßenseite bereits km40 hinter sich und werden deutlich unter 3h15 im Ziel sein. Schon erstaunlich, wie viele so schnelle Läuferinnen und Läufer es gibt!

Dritter und letzter „Wisselpunt“ für die Teilnehmer des Business Estafette Marathons.

Aus den Lautsprechern dröhnt richtig laut Michael Jacksons „Billie Jean“, klingt super!

Zuseher haben hier eine private Labestelle eingerichtet, ich bekomme ein halbe Banane ausgehändigt, bereits geschält. Wenig später gibt es AA-Gel. Es ist die einzige offizielle Verpflegung die nicht dünnflüssig ist.

Aber für mehr Gel hätte man sich nur bücken müssen. Immer wieder sind volle Energiebeutel auf der Strecke gelegen. Es gibt ja Läufer, die starten mit einem wahren Patronengurt an Kohlehydrat-Munition. Da kann schon einmal etwas verloren gehen.

Der Gegenverkehrsbereich dauert noch bis km32, dann wird es ruhiger, ländlich.

Für mich herrscht hier Idealzustand, kein Wind, Wohlfühltemperatur, Halbschatten, da die Blätter auf den Bäumen noch recht klein sind. Musik in immer kürzeren Abständen, komplett eben, fast schon besinnlich.

Etwa 2km geht das so, dann ein Rechtsknick, pralle Sonne und Wind, aber nicht unangenehm. Wir umrunden in weitem Bogen einen See, den man erst bei km37 zu Gesicht bekommt. Hier steht eine Anzeigentafel, die man im Vorfeld mit unterschiedlichen Anfeuerungen füttern konnte. Über die Zeitnehmung in der vorderen Startnummer weiß die Tafel, wer da kommt und wie sie den anzufeuern hat. Bei Günter hat es geklappt, ich übersehe diese Tafel, habe sie aber im Hintergrund auf einem Foto drauf.

Hier überholt mich der 4h15-Ballon mit seinem Gefolge, außerdem ist da gerade wieder eine Schwammstation, nichts wie weg. Bei km38 überholt mich der 4h15-Ballon schon wieder.

Meine Poweradeflasche brauche ich nun nicht mehr, der Rest muss ohne Extratank gehen. Ich komme wieder in den Gegenverkehrsbereich. Die Zuseher stehen hier wieder dicht gedrängt, auch ist die Strecke relativ eng, das gibt eine gute Atmosphäre. Und immer wieder unterschiedliche Musikzonen, viele Livebands darunter!

Km39, es gibt tatsächlich Leute die 10km HINTER mir sind. Offizieller Zielschluss ist nach 5h30, das wird knapp werden für einige. Ich werde in den 4h20ern einlaufen, das weiß ich auch schon. Meine Muskeln haben sich wieder erholt, da passiert nichts mehr, ich muss lächeln. Nun wieder unter den Würfelhäusern durch,

Immer wieder schön: die 40km-Markierung. Innerhalb eines km nun zwei Labestellen. Noch 2km, die Sonne scheint, alle Systeme auf grün, die Zuschauer toben. Immer wieder ruft jemand meinen Namen, steht ja vorne drauf. Bei „noch 1000m“ stehen wieder ein paar gelb-schwarze aus Lauda. Ich habe noch etwas Pulver zu verschießen und werde schneller. Im Zick-Zack muss ich laufen, denn viele sind noch unterwegs. Einer mit einem Blumenstrauß und an jeder Hand einen Buben. Pro Minute kommen jetzt 100 Läufer ins Ziel, einer davon bin ich. „Sieg!“ rufe ich innerlich. 4h 25min 00sec habe ich für meinen 82. Marathon benötigt. Ein ziemlich schöner Marathon mit super Stimmung über weite Strecken.

Im Ziel werden wir kritisch beäugt, ob wir eh noch Herr unserer Sinne sind. Es ist noch ein kleiner Marsch bis es die Medaillen gibt. Es ist eine der schönsten die ich habe. Sie dürfte vom selben Hersteller sein wie jene vom London-Marathon.

Im Hotel treffen wir uns, alle erfolgreich gefinisht. Raymond kommt auf einen Sprung vorbei, er hat seinen 17. Rotterdam-Marathon hinter sich und macht einen sehr zufriedenen Eindruck. Die Ziellabe verlegen wir kurzerhand in die Hotelbar, da ist richtig was los.

 

11.879 Marathon-Finisher

 

Startgeld: EURO 57,5,- aufwärts

Netto-Zeitnehmung in der Startnummer integriert.

Inkl. Funktionsshirt: Neongrün für die Herren, Koralle für die Damen

Versorgungsstellen alle 5km: Wasser und AA

Viel Musik!