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Manchmal dauert es etwas länger

4. 9. 2011: in aller Frühe holt mich Siggi bei Hannes ab um mit mir in Forchheim den FS-Marathon in Angriff zu nehmen. Ich hatte eine Horror-Nacht hinter mir: Schweißausbrüche, Fieber, Schmerzen wegen eines Eiterherds im Unterkiefer. An einen Start war nicht zu denken. Den Start habe ich mir noch angesehen, dann bin ich die 360km nach Hause gefahren, Montag früh Zahnarzt.

Fürwahr keine tolle Erinnerung an den Fränkischen-Schweiz-Marathon. Nun bin ich wieder da. Jeder bekommt eine zweite Chance. Diesmal in guter Gesellschaft: Evi ist mit und Monika und Günter auch. Siggi läuft heuer wieder, diesmal mit seiner Frau Ela die Halbdistanz, als Vorbereitung für ihren ersten gemeinsamen Marathon in Oslo. Birgitta ist seit gestern die Streckenkönigin von München, ihr HM ist die Vorbereitung auf den Berlin-Marathon.

Gestartet wird heuer in Ebermannstadt, wir beziehen dort am Vorabend Quartier. EBS hat knapp 7.000 Ew, gehört zu Forchheim und liegt zwischen Nürnberg und Bamberg. Eine schöne Gegend also. Der Streckenverlauf des 17. FS-Marathons ist neu, blieb im Wesentlichen jedoch erhalten. Nur der Start ist nun nicht mehr in Forchheim sondern ebenso wie das Ziel in EBS.

Das Wiesenttal entlang auf der Bundesstraße 470 nach Behringersmühle und zurück, parallel dazu der Fluss und die Eisenbahn, am Marathontag mit einer Sonderfahrt.

Am Vorabend ging es mir gar nicht gut, keine Ahnung woran es lag. Ich verzog mich mit leerem Magen bald aufs Zimmer und konnte die Nacht kaum schlafen. Dennoch ging es mir nach und nach weniger schlecht.

Um 05h30 esse ich mein Frühstück, das habe ich von zuhause mit. Im Hotel gibt es Frühstück erst ab 07h00, zu spät für mich bei einem Marathonstart um 08h40.

Ich beschließe zu starten, ich kann den FS-Marathon nicht noch einmal sausen lassen.

Ich will nicht schon wieder fast 800km umsonst gefahren sein.

Günter und ich finden die Kleider-LKW, kaum sind wir in der Startaufstellung geht es auch schon los, erst einmal 5km Richtung Forchheim. Ein paar Minuten vor uns sind die Handbiker und Inline-Skater gestartet. Abwechselnd Sonne und bewölkt. Gut, dass der Start relativ früh am morgen ist. Ein paar Worte wechsle ich mit Gerhard Wally, der heute schon zum 9. Mal den FS-Marathon läuft. 100%ig eben ist die Straße nicht, der Belag aber ist einwandfrei. An den Kreuzungspunkten mit den Zufahrtsstraßen haben sich Anrainer auf Bierbänken niedergelassen, für Speis’ und Trank ist gesorgt und mit Applaus wird auch nicht gespart.

Wir sind noch nicht lange unterwegs, da kommen uns die Handbiker, dann auch die Inline-Skater in beachtlichem Tempo entgegen. Nach einer halben Stunde bin ich bei der westlichen Wende, km5 und erste Labestelle. Nun dasselbe zurück. Als ich bei km6 bin kommt mir der Führende des 10km-Laufes entgegen, es ist der Marathonsieger hier aus dem Vorjahr. Er war verspätet zum Start gekommen, hatte dann alle überholt und klar gewonnen.

Bei Evi habe ich mich für 09h40 als Durchlaufzeit in Ebermannstadt angesagt. 1min früher als geplant laufe ich an Evi und Monika vorbei. Wenig später stehen Ela und Siggi an der Strecke, ihr HM-Start ist erst in einer Stunde. Ich bin noch nicht lange aus EBS raus, höre ich den Sprecher, der den 10km-Sieger ankündigt, 32min hat der dafür gebraucht.

Da laufe ich auf die markante Steigung im Streckenprofil zu, nach km11, da muss man drüber, kurz vor dem Ziel dann wieder, dann von der anderen Seite. Km12 entspricht in etwa km40 in der Gegenrichtung. Die schnellsten Handbiker brausen herab, dann auch Inline-Skater. Es ist schon fantastisch, was für ein hohes Tempo die meisten von denen erreichen.

Wie schon in Danzig überholt mich bei km12 der 4h15-Pacer. Als wir an Streitberg vorbei laufen gibt es Samba-Rhythmen und zwei Hüften schwingende Tänzerinnen in brasilianischen Kostümen. Nett anzusehen. Ist klar, dass es hier Zuseher gibt die nicht nur wegen der Verköstigung hier sind.

In weitem Bogen umlaufen wir in Folge die Burgruine Neideck aus dem Hochmittelalter, von der man sicher einen erstklassigen Ausblick hat. Schon im 12. Jhdt wusste man, wie man schön wohnt.

Die Sonne kämpft sich wieder durch, ist aber meist verschleiert. Gut so.

Am jenseitigen Flussufer zieht eine alte Diesellok vier auch schon in die Jahre gekommene Personenwaggons auf Schleichfahrt hinter sich her. Viele Fahrgäste sind da nicht drinnen, aber die die raus schauen sehen einen sich zu verfärben beginnenden Herbstwald, steile Felswände, vorhin erwähnte Burgruine und immer wieder Mühlen. Und heute anstatt Autos beherzte Sportler. Immerhin!

Das Wiesenttal wird enger, die felsigen Steilwände rücken zusammen.

Bei Muggendorf ist km18, Labestelle, ich nehme mein erstes PowerGel. Nach der Brücke trommelt sich eine Sambaformation in Ekstase. Am Ortsende, kurz vor km19, begegnet mir ein Strom-BMW, gefolgt von den beiden schnellsten Marathonis des Rennens. Diese haben gerade km33 hinter sich gelassen. Es ist schon beneidenswert wie die leichtfüssig daherfliegen.

Ich laufe weiter flussaufwärts. Die Abstände der Labestellen werden kürzer. Auf meine Poweradeflasche in der Hand könnte ich dennoch nicht verzichten. Nach und nach fülle ich sie immer wieder auf, für die „Durststrecken“ dazwischen. An einigen Labestellen ist das Iso derartig verdünnt, dass es den Nährwert von gefärbtem Wasser hat. Das kommt leider immer wieder wo vor.

Dann die Wende des Halbmarathons, der mittlerweile gestartet worden ist. Kontrollzeit gibt es jetzt für die Marathonis nicht, erst auf gleicher Höhe am Rückweg. Bei der HM-Distanz der Marathonis ist lediglich ein oranges HM auf den Asphalt gesprüht, 2h12 ermittle ich für mich mittels meiner Swatch. Die Eisenbahn von vorhin fährt nun zurück, diesmal aber zügiger.

Der Gegenverkehr der Läufer die im Rennen vor mir sind nimmt zu. Markus Spägele fällt mir auf, wir kennen uns vom Pisa-M 2011. Dazwischen immer wieder Staffelläufer. Dann auch schon Günter Schlöglhofer, der sich etwas vom 4h00-Pacer abgesetzt hat, mit dem der Gerhard Wally noch unterwegs ist. Wir klatschen ab.

Der Gasthof Sachsenmühle ist noch nicht so prachtvoll renoviert wie ein Stück weiter die Stempfermühle. Dort kann man sich die Plastikkanus ausborgen, die mir mehrfach am Fluss entgegen schwimmen. Über eine Wehr wird aber nicht gefahren, da tragen die Ausflügler die blauen Boote lieber rundum.

Dahinter oben am Bergkamm die Burg Gößweinstein, etwa 1000 Jahre alt, keine Ruine.

Bis kurz vor Behringersmühle verläuft die Strecke, dann die östliche Wende. Der launige Streckensprecher hält die wenigen Zuseher bei Laune. Er macht das gar nicht schlecht. Km26, Labestelle, ich nehme eine halbe Banane, die Zwischenzeit: 2h46.

Es geht zurück, wenig Gegenverkehr nun, wie ich feststellen muss. Allzu viele sind nicht mehr hinter mir. Sieht man zum Himmel: schwarze Wolken über uns, ab Mittag soll es regnen. Nicht weiter schlimm, ich laufe auf Asphalt und fotografieren tu ich auch nicht. Von mir aus kann es gerne regnen. Bei km28 fängt es an zu nieseln, hört aber gleich wieder auf.

Ein Polizeiauto und eine Ambulanz brausen mir mit Blaulicht entgegen, so etwas mag ich gar nicht. Die Labestellen auf der linken Straßenseite werden abgebaut, ein paar Becher werden aber stehen gelassen. Hin und wieder kommt doch noch wer.

Dann die Ambulanz von hinten, dicht gefolgt von einem Notarztwagen. Dann ist es wieder ruhig. Bei km31,6 überlaufe ich die Kontrollmatte bei der HM-Wende, da kommen tatsächlich noch Halbmarathonis daher. Die müssen für ihre ersten 10km um die 80min gebraucht haben.

Mit den Halbdistanzlern sind nun wieder mehr Leute in meiner Nähe, ich treffe auf immer mehr Dauergeher. Kurz vor Muggensturm, km33, sind die Sambatrommler beim Feierabend machen. Eine leicht ansteigende Brücke die nicht nur den Fluss sondern auf Stelzen gleich über das ganze Tal quert. Das ist hochwassersicherer. Eine Fotografin dauerfeuert aus ihrer Kamera, ich bemühe mich zu lächeln.

Die Labe in Muggensturm lasse ich aus, ich habe noch was in der Flasche. Wenig später nehme ich mein zweites PowerGel. Ein Mitläufer fragt mich, warum in dieser schönen Landschaft nicht mehr Leute mitlaufen? Da bin ich überfragt.

Es ist Anfang September, ab nun kann man jedes Wochenende aus vielen Laufveranstaltungen wählen. Die Gegend hier ist nicht dicht besiedelt. Die meisten Starter hätten demnach eine weite Anreise und viele laufen ja Bewerbe quasi nur vor der eigenen Haustüre. Im Gegensatz zu mir, beispielsweise.

Km35 nach 3h50, Wind kommt auf, von vorne der wird immer stärker. Damit setzt der Regen ein. Der wird bald ziemlich heftig. Der Wind bläst glücklicher weise nicht lange, der Regen bleibt und der ist durchaus ergiebig. Es kühlt ab, das ist angenehm. Es geht mir immer besser.

In Streitberg, km38 gibt es Coca Cola. Das Zeug trinke ich sonst nie, gegen Ende eines Marathons schätze ich es aber sehr. Die beiden brasilianischen Tänzerinnen stehen unter einem Baldachin und warten darauf ins Warme gebraucht zu werden. Das Hüfte schwingen ist ihnen vergangen. Der Sprecher bei diesem lokalen Volksfest:

„Vor 5 Jahren hat es hier den Marathonfavoriten zerleecht“, sagt er in breitem Fränkisch. „Aber das macht dem Hebbet aus Linz nichts aus, der zieht hier quietschfidel in den Ort rauf!“ Ich muss lächeln und winke ihm zu.

In der Tat müssen wir für ein paar 100m die Bundesstraße verlassen, vorbei an feiernden Anwohnern die zusehen unter einem Baldachin ihren trockenen Platz zu behaupten. Würste werden gebraten, es duftet nicht schlecht.

Ich laufe wieder auf zwei Läufer auf, von hinten ist nicht zu erkennen ob sie den Halb-marathon laufen oder die 42,2km. Macht nicht wirklich was aus, ich laufe für mich und nicht gegen jemanden. Ich will nun unter 4h40 ins Ziel, das wird knapp werden.

Anstieg, bei km40 gibt es sogar noch einen Versorgungsposten, der aber kein Cola mehr hat. Dann geht es runter, man sieht den Zielort schon. Bei km41 überhole ich mit grossen Schritten ein Pärchen und entledige mich meiner Getränkeflasche. Anton Lautner kommt mir entgegen, der ist heute wieder in der Bayr. Marathon-Meisterschaft gelaufen.

Bevor ich in Zielnähe jemanden erkennen kann höre ich Hannes meinen Namen rufen. Das heißt, seiner Frau Sandri geht es gut, sonst wären sie jetzt nicht hier. Bei strömendem Regen steht da meine „Fangemeinde“ und feuert mich an, ein wirklich schöner Empfang! Mit ausgebreiteten, erhobenen Armen laufe ich auf sie zu und dann ins Ziel. Ich habe jede Menge Platz.

4h40 im Ziel, es geht mir blendend! Wenn ich bedenke, wie mies es mir gestern Abend noch gegangen ist, muss ich ganz einfach zufrieden sein. Ich bin hochzufrieden und glücklich. Nach der Erinnerungsmedaille und den ersten distanzierten Gratulationen von Evi und Monika – ich bin nass und rieche nicht mehr so gut – kriege ich einen Becher alk-freies Cola-Weizen. Für mich ungewohnt, aber gar nicht so schlecht.

Es gibt auch gleich noch Maisel’s alkoholfreies Weizen.

Als ich mit nassen Haaren aus der Dusche komme, scheint wie bestellt wieder die Sonne. Das ist ideal für die Siegerehrungen am Marktplatz.

Wie sich bei der Nachbesprechung im Schwanenbräu herausstellt, sind alle Läuferinnen und Läufer aus unserer Gruppe mit ihren erbrachten Leistungen sehr zufrieden. Das macht gute Laune. Die nächsten Marathons können kommen, wir sind bereit!

 

Sieger: Addisu Tulu Wodajo KEN 2:29:35

Siegerin: Marija Vrajic HR 2:56:12

Marathonfinisher: 244 (32 Frauen + 212 Männer)

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Startgeld 32,- EURO

Finishermedaille mit einem Motiv aus Forchheim, dabei waren wir da heute gar nicht.

Wasserstelle etwa alle 5km, ab km15 auch mit Iso, später Bananen, 1x Coca Cola

Ziellabe: flüssig + eine Art Schokoriegel; Gutschein für Nudeln