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Judit fährt in Puszta, weil sie laufen muss da!

Vor einigen Monaten machte ich Judit darauf aufmerksam, dass es in Debrecen nun jährlich einen Marathon gibt. Wir zwei kennen uns von einem Marathon im bayrischen Wald. Judit hat schon einige höchst anspruchsvolle Ultra-Marathons absolviert, ihre Eltern leben in Debrecen. Eh klar, dass sie interessiert war.

Kurzum, Judit und Peter holen mich zwei Tage vor dem Debrecen-Marathon von zuhause ab, Linz liegt ihnen am Weg. Nach siebenstündiger Fahrt ab Linz sind wir abends in Debrecen, ganz im Osten Ungarns. Es ist noch hell, hat 22°C und es ist windstill. In der Altstadt, am Platz vor der beeindruckenden Reformationskirche, findet ein Mangalica- Festival statt. Diese Wollschweine können in einem Kobel besichtigt werden, oder aber bei vielen Markständen portioniert und geräuchert gekauft. Dazu andere Köstlichkeiten (u.a. Baumkuchen) und Live-Musik. Eine halbe Bier kostet umgerechnet € 1,20.

Die Reformationskirche aus 1819 mit ihren beiden Zwiebeltürmen ist die größte reformierte Kirche Ungarns. Als in Österreich-Ungarn die Gegenreformation einsetzte, war Debrecen gerade in türkischer Hand, so blieben die Einwohner evangelisch.
Das Wetter am Samstag ist wenig freundlich, kalt und vor allem sehr windig. In großen Staubfahnen holt der Wind die Erde von den Feldern. Wir holen unsere Startnummern ab, als einziger Österreicher am Start bin ich der Exote. Hinterher fahren wir in die Puszta am Stadtrand, ein Nationalpark. Wenige km weiter liegt Hortobágy, der Hauptort in dieser eurasischen Steppe, der Puszta. Greifvögel spielen sich mit dem Wind, es ist absolut flach hier. Einzig die Brücke mit den 9 Bögen über den Fluss Hortobágy bietet ein paar Höhenmeter. Ziehbrunnen (im Freilichtmuseum), Palatschinken, Reiter mit 3m-langer Peitsche die auf den Pferden stehen und das ungarische Steppenrind. Letztere haben sich nicht sehen lassen.

Peter bringt Judit und mich zum Start. Er selber ist verletzt und kann momentan nicht laufen. Als wir eintreffen, sind die jungen Läufer fertig und am Heimweg. Die Kinder haben bereits stolz ihre Erinnerungsmedaillchen umgehängt. Begleitet von ihren Eltern verlassen sie das Sportgelände.

Auf einer Bühne dreschen Kendo-Kämpfer auf einander ein. Als deren Schaukämpfe vorbei sind, zeigen uns die Debrecen-Line-Dancer mit Cowboyhut, was sie schon gelernt haben. Schließlich der Startbereich, Platz genug und Sonnenschein, der Wind hält sich zurück. Von der Temperatur her ist es an der Kippe, wie viel ich anziehen soll. Lange Hose, Mütze? Ich entscheide mich für kurzes Shirt und kurze Hose. Srečko aus Serbien lerne ich kennen, der läuft im Schnitt alle zwei Wochen einen Marathon. Ein kurzes Gespräch ergibt: wir sind schon bei einigen Marathons gleichzeitig am Start gewesen.

Kurz nach 11h starten die 10km-Läufer, 5min später die Halbmarathonis und weitere 5min später wir Marathonis. Ich bin die letzten Tage in Physiotherapie gewesen, ich kann laufen, juhu! Es geht nicht großartig, aber es geht. Das hätte ich vor 5 Tagen noch nicht zu hoffen gewagt. Zwar habe ich nun blaue Flecken von der eindrücklichen Behandlung, aber ich kann laufen! Bald sogar weitgehend schmerzfrei. Kurzatmig bin ich, mir fehlen die Trainingskilometer, oder drängen sich die Pollen in den Vordergrund? Viele Bäume haben begonnen zu blühen, die gelben Forsythien sind unübersehbar, die Magnolienblüten sind fast schon offen. Nach 1km der erste Anstieg! Höhenmeter? In der ungarischen Tiefebene? Wenn keine da sind, macht man welche. Die Strecke umrundet das neu erbaute Nagyerdei- Stadion (dt.: Großwald-Stadion), es ist noch kein Jahr alt und hat Platz für 20.340 Zuseher, das reicht für 10% aller Debreziner.

Wir laufen rauf auf Höhe des ersten Ranges (8% Steigung), oben angekommen geht es wieder runter (9% Gefälle) und unmittelbar darauf wieder hoch (15% Steigung). Das habe ich nicht nachgemessen, das steht für die Rollstuhlfahrer angeschrieben. Dann 200m eben und

schließlich mit leichtem Gefälle wieder runter. Linke Spur Beton, in der breiten Mitte ein Gitter welches super federt, rechts außen eine Tartanbahn. So ist für jeden Läufergeschmack etwas dabei. Unten angekommen ist eine Wasserstelle installiert, kurz darauf das 2km-Schild. Raus aus dem Park, über ein paar Straßenbahnschienen, führt die Strecke auf einer Ringstraße, der Nagyerdei krt., im Uhrzeigersinn in weitem Bogen um den Park. Ab km3 laufen wir an der schönen Universität vorbei, dann an der Klinik, vor km4 geht es in rechtem Winkel rechts auf einer Allee rein in den Park. Nun Gegenverkehr, Judit kommt mir entgegen, Kehrtwende. An den blauen Startnummern erkenne ich, dass nur mehr wenige Marathonis hinter mir sind. Das wundert mich nicht. Nach ein paar hundert Metern biege ich rechts ab und bin wieder auf der Nagyerdei krt.

Abermals ein paar hundert Meter, dann rechts rein zum Sportzentrum. Hier ist km5 und die einzige vollwertige Labestelle, von jungen Damen betreut. Hier gibt es Iso, Bananen und Waffeln, Wasser auch.
Dann laufen wir durch einen kleinen Vergnügungspark für Kinder. Ich kann die Kleinfamilie erkennen, die heute Morgen mit uns im Hotel Malom beim Frühstück war. Im Nu bin ich wieder am Sportplatz (= Gyulai István Atlétikai Stadion), wo ich vor 5,275km gestartet bin.

Für die erste Runde habe ich 32:11 gebraucht, dennoch konnte ich einige Halbmarathonis überholen, die 5min vor mir gestartet sind. Die schnelleren 10,55km-Läufer sind schon medaillendekoriert im Zielraum.
Ich bin im Schongang unterwegs und weitgehend schmerzfrei geblieben. Peter in seiner gelben ETSV Lauda-Jacke feuert mich an. Auf zur zweiten Runde!

Diese verläuft weitgehend ereignisarm. Die Strecke ist breit genug, Überholmanöver stellen kein Problem dar. Mittlerweile kenne ich die Anstiege am Stadion, nun bei km6. Rauf auf der Tartanbahn, runter am Gitter. Etwas schwach eingeschenkt sind die Becher, aber es gibt immerhin in relativ kurzen Abständen zu trinken. Vielfach bewährt haben sich als eiserne Reserve eine Flasche Powerade und zwei PowerGel-Beutelchen. Damit kann ich eine schlechte Versorgung seitens des Veranstalters abfedern, wie es erst Anfang des Monats in Zypern notwendig war.

An der Wasserstelle ist eine Bühne aufgebaut. Es spielt eine Rockband internationale Hits. Die jungen Leute machen das richtig gut. Die Leadsängerin hat eine Stimme wie der junge Jon Bon Jovi.
Es verzieht sich etwas, da ist der Wind gleich kühler. Ich bin mir nicht sicher ob es eine gute Idee war, kurz/kurz zu laufen. Etwas Gutes haben die vielen Richtungsänderungen: egal woher der Wind weht, man hat ihn nie lange von vorne.

Für uns Läufer ist eine Spur mit Sperrgittern von der anderen Fahrbahn abgetrennt. Auf dieser herrscht zwischen km2 + km3 relativ dichter Autoverkehr. Wegen der Abgase jedenfalls mehr, als mir lieb ist.
Als ich zum zweiten Mal zum Gegenlaufbereich komme, ist Judit fast schon wieder am Herauslaufen. Ein leichtes Gefälle hier wenn man in die Allee rein läuft, bemerken tut man das nach der 180°-Kehre, wenn man wieder zurück läuft.

In der vierten Runde ist noch einiges an Läufern unterwegs, als ich die fünfte Runde in Angriff nehme, sind fast nur mehr Marathonis unterwegs. Nun wäre richtig viel Platz. Doch viele der abwandernden Halbmarathonis - weil bereits im Ziel - und ihre Fangemeinden spazieren auf der Strecke als wäre hier kein Rennen mehr. Denen auszuweichen kostet aber nicht wirklich viel Zeit.
Km22: Beim Stadion rauf gibt es mir einen Stich der vom rechten Glutaeus Maximus bis runter in die Achillessehne fährt, sodass ich zusammen zucke. Dieses Erlebnis bleibt zum Glück einmalig. Die Steigung gehe ich ab nun, ist besser so.
An der Wasserstelle stehen jetzt weniger Becher bereit als vorhin. Ich brauche einige davon, um meine Flasche etwas aufzufüllen. Ich habe viel zu wenig getrunken spüre ich.

Beim km3-Schild steht nun Imre: Mit „Hajrá“ feuert er mich an. Das „Hajrá“ kenne ich schon aus Szombathely. Wie Jürgen einmal richtig sagte, es hört sich an wie das wienerische „Oida!“, Betonung auf der ersten Silbe.

Es ist die scheinbar übliche Form der Anfeuerung in Ungarn, eine eher emotionsschwache. Imre ist ein sympathischer Mann, ich kenne ihn seit gestern. Er ist Judits Vater und natürlich wegen seiner Tochter hier, die mit ihm nun eine dritte Labestelle hat.

In der siebten Runde geht es mir richtig gut, ich habe endlich genug getrunken. Im Gegenverkehrsbereich auf der Allee kennt man sich mittlerweile und lächelt sich zu. Bin schon gespannt, ob ich diesmal wieder auf Judit treffe. Sie müsste auf ihrer letzten Runde sein. Tatsächlich, als ich mit der Allee fast fertig bin, beginnt sie gerade damit. Überrunden wird sie mich also nicht.
Ich laufe ein vorletztes Mal durch den gelben Zielbogen wo Peter steht. „Judit wird gleich da sein!“, rufe ich ihm zu. Aber Peter ist eh das ganze Rennen immer irgendwo aufgetaucht, er ist sicher bestens über unsere momentanen Positionen auf der Strecke informiert.
Letzte Runde: Ruhig ist es geworden auf der Strecke, die meisten sind schon im Ziel. Bei der Wasserstelle nach dem Stadion hat sich das Personal halbiert, von der Bühne kommt Musik nur mehr aus der Konserve. Vor mir müht sich Zoltán ab. Der ist richtig fertig, ihn kann ich noch überholen. Mir wäre es heute auch lieber, der Marathon hätte nur 40km, so wie vor 100 Jahren noch. Es reicht mir heute.

Im Gegenverkehrsbereich auf der Allee bekomme ich wieder einen Überblick über das restliche Läuferfeld. Vor mir gähnende Leere, hinter mir sind doch einige nicht allzu weit zurück. Jetzt bloß keine Position mehr verlieren. Bei der letzte Labe, 275m vor dem Ziel, kommt mir lächelnd ein Mädchen mit einem vollen Becher entgegen und ruft „Iso, Iso, Iso!“, wie sie es von mir die letzten Stunden immer wieder gehört hat. Sehr schön.

Jetzt geht es noch das Stück durch den Vergnügungspark, dann sehe ich die Zielgerade vor mir. Judit und Peter winken mir zu und ich bin durch. Im Nu bekomme ich meine Medaille umgehängt. Bin ich froh im Ziel zu sein!
Vielen Dank an den Physio-Experten Alexander Thiel, der mir meinen Start erst ermöglicht hat.

Judit hat ein Fernsehinterview mit mir arrangiert, sie macht die Dolmetscherin. Bin gespannt ob es gesendet werden wird und ob ich es je erfahre.

Sieger: Szalóki Róbert 2:50:37 Siegerin: Simon Edina 3:37:20

159 Marathon-Finisher, dazu 167 Halb-Marathon-Finisher 165 Viertel-M-Finisher
045 Staffeln zu 5 Läufern

Startgeld: EURO 24,-
Netto-Zeitnehmung in der Startnummer integriert
Ein oranges Funktionsshirt mit dem rotary-Logo, Waffeln 2 Versorgungsstellen / Runde, 8 Runden
An den Labestellen: Wasser, Iso, Waffeln, Bananen Hallenbadeintritt

4h 45min 38sec habe ich für meinen 81. Marathon benötigt